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Eine amerikanische Dichterin, die sich in Paris niederlässt, um von dort aus Streifzüge durch die Versehrungen der europäischen Geschichte zu unternehmen – das klingt erst einmal wie ein Klischee. Doch weder die 1960 in Boston geborene Lyrikerin Ellen Hinsey noch ihr über die Jahre langsam, aber sorgfältig angewachsenes Werk lassen sich mit vertrauten Bildern erfassen. Die Literatur entdeckt Ellen Hinsey als Autodidaktin: Nach einen Studium der bildenden Kunst an der Tufts University beschließt sie 1987, in die Stadt an der Seine umzusiedeln. Der räumliche Abstand zu ihrer Heimat hilft ihr, die eigene Sprache zu erneuern und wegzukommen von dem, was sie einmal den „bekennenden Ton“ in der amerikanischen Lyrik nannte. (Ellen Hinsey in: The Philadelphy Inquirer, 28.5.1996)
Ihr eigener lyrischer Ton ist dabei ein erstaunlicher Mix: Eine amerikanische Lakonie (gepaart mit größter Ökonomie) ist da ebenso am Werk wie die Schwermut der von ihr verehrten (und übersetzten) osteuropäischen Literatur. Ihre Sprache ist so exakt bemessen wie präzise konturiert. Dennoch erschöpfen sich ihre Bilder nicht in der reinen Beschreibung, sondern verkörpern genuin, was die deutsche Sprache „Einfühlung“ nennt. Sie nimmt Bezug auf die griechische Antike, schreibt elegante und doch von loser Metrik geprägte Couplets und Quartette, spielt mit Reim und Rhythmus, Alliterationen und gelehrten Anspielungen – und ist doch nichts weniger als eine konventionelle Traditionalistin. 1996 debütiert sie mit „Cities of Memory“ – der Band wird ausgezeichnet mit dem renommierten Yale Series Award. Schon in dieser ersten Publikation ist die erstaunliche intellektuelle Tiefe und Ernsthaftigkeit ihrer Stimme zu vernehmen. Es ist ein programmatischer Titel: Denn „Cities of Memory“ handelt von Untergang und Übergängen, von Auflösung und Erinnerung, indem die Autorin historische Wendepunkte der hiesigen Geschichte reimaginiert: Spanien im Jahr 1810; Sigmund Freuds Flucht aus Wien 1938; der Bau der Berliner Mauer 1961. Sie meditiert aber auch über das Lichtermeer an der Seine, dessen faszinierendes Wechselspiel sie zum Symbol für die Unbeständigkeit des menschlichen Lebens erhebt. Tatsächlich versteht sie Lyrik als ein vorbildliches Instrumentarium, um die moralische wie philosophische Natur der Dinge zu erforschen – sei dies das Individuum, eine Landschaft oder eben die Geschichte. Letztere zieht in „Cities of Memory“ in düster gefärbten, aber bestechend plastisch konturierten Momentaufnahmen vor unseren Augen vorüber: Wenn da etwa ein Zug in den nächtlichen Bahnhof von Berlin einfährt, wo soeben mit dem Bau der Mauer der Kalte Krieg sein hässliches Gesicht verliehen bekommt, wird dieses Bild zur Metapher für die kollektive Reise der Menschheit in die stete Ungewissheit der eigenen Zukunft. Zwar sprechen meist entpersonalisierte Stimmen in ihren Gedichten, was diesen etwas Überzeitliches verleiht. Doch unerbittlich stößt uns die Autorin auf die Vergänglichkeit des menschlichen Seins. Ellen Hinsey geht dabei jedoch nie didaktisch zu Werke. Einerseits betört die so musikalische wie visuelle Qualität ihrer Sprache – andererseits das motivisch evozierte dialektische Widerspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, dem Tösen der Geschichte und dem Echoraum des Ewigen. Der menschlichen Suche nach einem letzten, unbedingten Wissen ist Ellen Hinsey in ihrem zweiten Gedichtband „The White Fire of Time“ (2002) auf der Spur. Das in drei Kapitel unterteilte Langgedicht – das wiederum aus kleineren Sektionen besteht, die mal aphoristischen, mal essayistischen Charakter haben und sich „Commentary“, „Meditation“ oder „Reading“ nennen – vereint dafür in gewagter, aber gelungener Weise die Sphären der Philosophie und Theologie. Man meint darin die Weisheit der Upanishaden ebenso zu vernehmen wie Simone Weil, die Vor-Sokratiker ebenso wie William Blake. Ins Zentrum ihrer so eigenwilligen wie persönlichen Metaphysik rückt die Autorin die jüdisch-christliche Tradition der Bibel -– und damit die Frage nach dem Ursprung sowie der Macht und Ohmacht der menschlichen Sprache. Das hat erstaunlich viel Anmut; so etwa, wenn sie über die „Variationen des Fliegens“oder die „Kosmologie der Leidenschaft“ nachdenkt. Ursprünglich sollte der Band „Vita contemplativa“ heißen – doch solch ein Titel, bekannte Ellen Hinsey in einem Interview, sei unverkäuflich in einem Land wie Amerika, das nur wenig vertraut ist mit der europäischen Denktradition. Nichtsdestotrotz erweist sie in ihrem dritten Gedichtband „Update on the Descent“ (2009) nicht nur Dantes „Inferno“, sondern auch den Platonschen Gesprächen Reverenz. Von Dante entlehnt sie den moralischen Impetus einer Vision der Menschlichkeit unter dem Banner der Unmenschlichkeit; von Platon die dialogische Struktur des Bandes, der erneut Prosa und Aphorismen in Gestalt spielerischer, aber streng durchkomponierter formaler Arrangements ineinanderblendet. Ellen Hinsey entwirft in diesen Gedichten dabei nichts weniger als eine Anatomie politischer Gewalt: Darin finden sich nämliche Ausschnitte aus den Verlaufsprotokollen des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, dem die Autorin ab Februar 2002 als Zuhörerin beiwohnte. „Why were the men separated from the women?“ – so heißt es an einer Stelle. Die Frage reicht, um den Horror dieses Krieges aufzurufen, der naturgemäß das ist, was sich nicht sagen lässt. Eben dieser Crux jeglicher Literatur angesichts des Unsagbaren versucht sie in diesem Band andere, erfindungsreiche Formen des Sagens entgegenzuhalten, indem sie dieses philosophische und ästhetische Dilemma der literarischen Zeugenschaft selbst zum Gegenstand erhebt: „Es heißt, wir können sie nicht mehr benutzen, die alten Worte“ – so liest man in der ersten Zeile von „Interdikt“, das dann jedoch mit den Worten schließt: „Aber hier, unter der geschwärzten Sonne, gibt es Dinge, in den gefesselten, den zertrümmerten, den alten Worten, die dennoch gesagt werden müssen.“ (in: Akzente, Heft 2/2009. Übersetzung: Maja Ueberle-Pfaff.). Ellen Hinsey gelingt also das Unmögliche: solche Zeugenschaft nicht nur in Sprache zu übersetzen, sondern in die Schönheit einer Lyrik, die den Schrecken der Geschichte ebenso bannt wie die Hoffnung auf und den Glauben an ihre Erneuerung.

Text: Claudia Kramatschek
Foto: Adine Sagalyn
Kamera/Schnitt: Uli Aumüller, Sebastian Rausch



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Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. Edition Lyrik Kabinett. München 2006. S. 130-141 Imagination und Destruktion. Gedichte. In: Akzente, Heft 2/2009. Aus dem Amerikanischen von Uta Gosmann und Maja Ueberle-Pfaff. München 2009. S.108-114
Veranstaltungen beim DAAD
Poetry Night mit Ellen Hinsey, Ashur Etwebi und Gerhard Falkner. Moderation: Silke Behl

im Rahmen von Topophilia / Topophobia

in Lesung und Gespräch Moderation: Lothar Müller

Lesung und Gespräch „Des Menschen Element“

zu Gast auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen von „Litauen: Fortsetzung folgt“

Des Menschen Element (Buchpremiere) mit Tobias Hagge und Ivana Sajko

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Artists in Residence am PIK