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„Es gibt zwei Arten von guten Romanen: Die einen sind die, in denen die Autoren den schwarzen Wald von weitem beschreiben. Sie geben dem Bekannten und Vertrauten reizvolle Namen und sorgen dafür, dass das Vertraute einem noch eigener wird, und die Grenzen noch deutlicher, noch klarer bestätigt werden. ... Die Romane der zweiten Art bringen Dinge ins Wanken, sie erschüttern und wühlen auf. Manchmal hat man geradezu Angst, sie aufzuschlagen, weil sich ‚ein zottiger schreiender Fetzen’ zwischen ihren Seiten windet. Die Autoren dieser Romane gehen in den schwarzen, schwarzen Wald. Von dort betrachten sie ihr Haus und sehen, wie es auf dem Kopf steht.“ Muss man noch explizit sagen, dass die Romane Joanna Bators – die uns diese Zeilen in ihrem Selbstporträt „Die-Welche-Seltsame-Dinge-Bringt“ (Übersetzung: Esther Kinsky) zum Besten gibt – zur zweiten Kategorie gehören? Die 1968 in Polen geborene Autorin ging allerdings nicht in den schwarzen Wald, sondern nach Japan: Erst dort, in der Fremde, gelang ihr die Umkehrung des Blickes, die es der gelernten Kulturwissenschaftlerin erlaubte, die Geschichte ihrer Heimat gegen den Strich zu bürsten. Das Kraftzentrum ihrer Literatur bildet dabei der Ort, dem sie zugleich entflohen ist: Wałbrzych – ein Kohleabbaugebiet im heutigen Polen, gelegen zwischen Deutschland und Tschechien, das die historischen Verwerfungen dieser Region symptomatisch verkörpert. Denn die Zugehörigkeit des Ortes wechselte beständig, und ebenso beständig wechselte mit der Zugehörigkeit die Bevölkerung, die immer wieder ausgetauscht wurde. Wer in Wałbrzych lebte, war insofern immer fremd – und lebte stets inmitten der Anwesenheit von Abwesenden. Die daraus resultierende Unruhe ist das Material, von dem Joanna Bators Romane leben; Wałbrzych ist die Abraumhalde der Geschichte, aus der sie Funken schlagende Literatur erschafft. Denn Joanna Bator wühlt wie eine Trümmerfrau im Unrat und holt mit Vorliebe Verdrängtes zutage: Enteignung, Entrechtung – aber auch das ethnische Gemisch, das der Idee eines reinen Polentums zuwiderläuft. Sie fängt die provinzielle Enge eines kommunistischen Alltags ein – samt schwelendem Antisemitismus und Schwulenhass, Alkoholismus und Katholizismus – und verleiht den mentalen Langzeitschäden der Entwurzelung furios Stimme. Es handelt sich dabei um eine durch und durch weibliche Stimme: Frauen stehen im Mittelpunkt ihrer Romane; sie sind die Hüterinnen der Geschichte. Sowohl „Sandberg“ (2009, dt. 2011) als auch „Wolkenfern“ (2010, dt. 2013) erzählen von drei Frauen-Generationen. Im Mittelpunkt: die rebellische Dominika, deren dunkler Teint sie schon rein äußerlich als Rebellin und Außenseiterin kennzeichnet. Hält Joanna Bator in „Sandberg“ mit Dominika ihre eigene Kindheit in der heruntergekommenen gleichnamigen Plattenbausiedlung am Rande Wałbrzych fest, so schildert „Wolkenfern“ die Odysee, zu der Dominika sich Ende der 80er Jahre aufmacht und die sie über London und Amerika in die weite Welt führen wird. Bators Figuren sind insofern Vertriebene und Getriebene zugleich. Sie wissen: Was ist, kann morgen schon vergehen; was man besitzt, kann einem morgen schon genommen werden. Daher horten sie: Güter, Waren, aber vor allem Worte und Geschichten. Sie reden um ihr Leben, in sturzbachartigen Litaneien, die das Erzählen zur kostbarsten Währung des nomadischen Daseins erheben. Joanna Bator erweist sich dabei als eine so phantasiemächtige wie kühne Autorin: Sie verschachtelt unzählige Binnenerzählungen ineinander, lässt immer wieder neue Figuren auftauchen, verknüpft Faden um Faden, jeder eine Weblinie im historischen Teppich, den sie vor unseren Augen entrollt. Sie bedient sich der direkten Rede ebenso wie atmosphärisch dichter Schilderungen, mischt Mythen und Magisches in einer Weise, die einen schwindeln machen kann. Zugleich ist ihre Sprache so prall wie sinnlich, da ganz vom Körperlichen getränkt. Dass sie dabei eben auch auf die Wunden ihrer Heimat Polen – wo man sie 2013 mit dem renommierten Nike-Preis auszeichnete – zu sprechen kommt, gefällt selbstredend nicht allen bei ihr zu Hause. Manchen galt und gilt sie als Nestbeschmutzerin, da sie aufräumt mit so manchen Mythen und Ressentiments der Nachkriegszeit, die sich in Polen lange gehalten haben. Joanna Bator – inzwischen eine Kennerin der japanischen Kultur, die sie 2004 auch in ihrem Essay- und Debütband „Japanischer Fächer“ beschrieb – erinnert insofern an die sogenannten itako: Diese sind Wahrsagerinnen, die jedes Jahr am nördlichen Rand der Insel Honsiu während eines besonderen Totenfestes ihre Stände aufschlagen, um als Gesandte der Verstorbenen die Grenze zwischen den Toten und den Lebenden zu überbrücken. Auch Joanna Bators Romane – 2012 erschien in Polen ihr nunmehr dritter unter dem Titel „Dunkel, beinahe Nacht“ – geben nämlich Kunde aus dem dunklen Mahlstrom der polnischen Geschichte. Die Autorin tut dies ohne erhobenen Zeigefinger, ohne jegliche staubige Didaktik. Der Gestus der Rache ist ihr fern. Ihr geht es vielmehr um Geschichten der Versöhnung, die im besten Falle einen Weg eröffnen aus dem Labyrinth der Vergangenheit hinein in die Zukunft, aus der Enge nationalistischer Ideologien in die Weite einer multiperspektivischen Welt. Nicht nur ihre Heldin Dominika, auch Joanna Bator repräsentiert daher eine neue polnische Erzähl-Generation, die den lokalen mikroskopischen Blick mit einer welthaltigen Offenheit erhellend zu verbinden weiß.

Text: Claudia Kramatschek
Foto: Privat
Kamera/Schnitt: Uli Aumüller, Sebastian Rausch


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Sandberg. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. Im ehemals deutschen Schrank. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. In: Lost Words / Lost Worlds. Hg: Kateryna Stetsevych, Katarina Tojic, Stefanie Stegmann. Edition Fototapeta, Berlin 2013. S. 115-127. Der Mantel. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. In: ZEIT online, 28. Juni 2012. Die-Welche-Seltsame-Dinge-Bringt. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. In: Sprache in technischen Zeitalter. Nr. 202/Juli 2012. S. 185-192. Wolkenfern. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.
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„Wolkenfern“. Moderation: Lisa Palmes

in Lesung und Gespräch „Dunkel, fast Nacht“ Buchpremiere

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