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Als die damals knapp 50-jährige ungarische Autorin Zsófia Bán 2007 mit „Abendschule“ ihr spätes Debüt vorlegte, war das Erstaunen groß angesichts der formalen Kühnheiten und der sprachlichen Kapriolen dieses Erstlingswerkes. Diese „Fibel für Erwachsene“ – so der Untertitel des Prosabandes – kam nämlich einerseits daher im Gewand eines enzyklopädischen Lesebuchs, das listig in weit gespannte Fächer eingeteilt war: Chemie, Französisch, Geschichte, Geografie, Leibeserziehung, Pause. Zudem griff die gelehrte und gelernte Amerikanistin, die an der Universität in Budapest unterrichtet, in den einzelnen Erzählungen auf altbekannte Figuren und Stoffe der Literatur- und Kulturgeschichte zurück: Goethes „Wahlverwandtschaften“, Gustave Flauberts Reisen, Frida Kahlos Gemälde, Edouard Manets „Olympia“. Und doch nehmen ihre Erzählungen fremde und ungewohnte Wege: Olympia zwingt den Maler, ihr Bildnis neu zu malen; Flaubert entzweit sich von seinem Reisebegleiter und besten Freund; die Wahlverwandtschaften finden statt als Schlagabtausch auf einem Tennisplatz in der Gegenwart. Zeiten und Räume werden neu gemischt, in Kombinationen, die aleatorischen Gesetzen zu gehorchen scheinen, aber von einem durch und durch philosophischen Kopf organisiert worden sind. Zsófia Ban – die Tochter von Holocaust-Überlebenden – lässt das unterhalb der spielerischen Oberfläche dieser Erzählungen waltende dunkle Gravitationszentrum nämlich absichtlich nur an wenigen Stellen durchscheinen: Es ist ein weißer Fleck; das, was fehlt; was nicht gesagt werden kann, verschwiegen wird – und doch immer wieder zur Oberfläche drängt. „Ist denn das, was geschieht, wirklich wichtiger als das, was nicht geschieht“ – so räsonniert Gustave Flauberts Freund an einer Stelle stellvertretend für Zsófia Bán. Die Eröffnungsgeschichte des Bandes „Woist Mama“ darf insofern gelesen werden als Erinnerung an die deportierten Juden; der Judenstern etwa blitzt als Reminiszenz bruchstückhaft in einer der Erzählungen auf. Diese handeln also letztlich von der Suche der Autorin nach einer Form der Narration, in der ein Leben aus und auf Ruinen adäquat zur Sprache kommen kann. Anders gesagt: Wie ist es möglich – so Zsófia Bán – „mit dem permanenten und radikalen Nebeneinander von Dingen fertig zu werden, die nicht unbedingt kausal zusammenhängen, und diesen Zustand zu verwalten, ohne dass wir versuchten, eine Ordnung hineinzufräsen“? (In: „Der Sommer unseres Missvergnügens. Die negative Befähigung als Ausweg.“, Übersetzung: Terézia Mora) Einen ihrer literarischen Ahnherren für diese Ordnung der Nicht-Ordnung hat sie in der „Abendschule“ verewigt: Géza Ottlik und seinen Roman „Die Schule der Grenze“ (1959), der damals selbst zu einer freien Schule des neuen ungarischen Erzählens wurde. Denn Ottlik ermöglichte mit der von ihm geprägten, erst einmal unscheinbar wirkenden Formel des „freien Wahrnehmens“ eine literarische Revolution: eine Sprache, mit der kein (sozialistischer) Staat mehr zu machen war – und die Erkenntnis, dass tiefer Ernst und schwereloser Un-Ernst als unzertrennliche Geschwister gelten dürfen. Die Schriftstellerin Zsófia Bán – die sich zuvor sowohl als Essayistin wie auch als Kunst- und Literaturkritikerin einen Namen gemacht hatte – zertrümmert insofern Idole und Ideologien: Das (im angelsächsischen Raum hoch geschätzte) Genre der biographischen Erzähl- und Erinnerungsbücher importiert und karikiert sie zugleich. Dem nationalistischen Reinheitswahn ihrer ungarischen Heimat setzt sie – die in Rio de Janeiro zur Welt kam, aber in Ungarn aufwuchs – das Zersplitterte und Nicht-Einordbare entgegen. Ihr Roman „Abendschule“ – 2008 mit dem Attila-József-Preis ausgezeichnet – ist nicht zuletzt deshalb gespickt mit Worterfindungen und französischen, englischen sowie spanischen Sätzen, die als fremde Einsprengsel bewusst unübersetzt bleiben. Auch in ihrem zweiten Erzählband „Als nur die Tiere lebten“ fächert die Schriftstellerin auf engstem Raum vermeintlich disparate Lebensgeschichten auf und legt deren ungeahnte Zusammenhänge bloß: Emigration und Entwurzelung; das Leben davor und das Leben danach – und der Riss, den diese innere Entzweiung in einem selbst auslöst. Denn wer – wie die Autorin – zum Jahrgang 1957 in Ungarn gehört, kam ein Jahr nach der Revolution 1956 zur Welt. Und wer – wie die Autorin – in Südamerika aufwuchs, trägt das Wissen in sich um all die exilierten Ungarn, die das Land nach 1956 verließen. Auch die Heldinnen in diesen Erzählungen sind Mitte der 50er Jahre aus Budapest in die vermeintliche Idylle tropischer Gefilde geflohen. Doch dort holt sie alle ihr altes Leben wieder ein: Eine distinguiert wirkende Dame zeigt einer tätowierten Streunerin die eigene Tätowierung auf dem Arm; eine ehemalige Pianistin wird inmitten eines Bartók-Konzertes von der Erinnerung an ihre unglückliche große Liebe, einen Bartók-Interpreten heimgesucht. Zugleich spielen Bilder und Bildverfahren in diesem Band eine tragende Rolle. Das Bild, so heißt es in der Erzählung „Kurze Geschichte der Fotografie“, „ist der Kaiser des Lebens. Es hat Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, eine Geschichte und ein Gedächtnis, mit einem Wort, es hat alles“ (Übersetzung: Terézia Mora). Ein listiges Capriccio eröffnet folgerichtig den Reigen der Erzählungen: Es ist die Geschichte eines Röntgenbildes mit dem Titel „Frau Röntgens Hand“ – das die Autorin zugleich in die Abbreviatur eines Eheromans verwandelt. Dieses Capriccio enthält in nuce Zsófia Báns poetologisches Verfahren: aus mikroskopischen Details im Blow-Up-Verfahren das Nicht-Sichtbare ans Licht zu holen; Sinnzusammenhänge durch gewagte Spiegelungen und Brechungen herzustellen – Bildkaskaden, die in rätselhafter A-Logik die unterschiedlichen Erzähl- und Zeitebenen miteinander verfugen. Ihre Prosa fordert insofern zu einem Tanz über dem Abgrund heraus – und zur Lust an der so wunderbaren wie schwierigen Freiheit der Interpretation.

Text: Claudia Kramatschek
Foto: Miklós Szüts
Kamera/Schnitt: Uli Aumüller, Sebastian Rausch



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Film (24/1). Aus dem Ungarischen von András Hecker. In: Neue Frauen. Lesebuch. Hg.: Collegium Hungaricum, Berlin 2009. S. 7-16. Der Sommer unseres Missvergnügens. Die negative Befähigung als Ausweg. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. In: OSTEUROPA, 12/2011, S. 275-280. Die Melancholie der Anatomie. Wort-Bild und Blick in den Parallelgeschichten. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. In: In der Dunkelkammer des Schreibens. Übergänge zwischen Text, Bild und Denken. Hg.: Peter Nádas / Matthias Haldemann. Nimbus Verlag, Zürich/Wädenswil 2012. S. 76-100 Abendschule. Fibel für Erwachsene. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. Als nur die Tiere lebten. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
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„Als nur die Tiere lebten“. Moderation: Barbara Wahlster

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