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Seinen Orgeldienst nimmt Michael Pelzel sehr ernst. Um am Sonntag pünktlich auf der Orgel zu sitzen, fährt er notfalls auch noch mitten in der Nacht zurück in die Schweiz. Aber jetzt wird die reformierte Kirchengemeinde in Stäfa am Zürichsee auf ihren Organisten wohl für einige Zeit verzichten müssen. Denn der Organist und Komponist Michael Pelzel ist für ein Jahr in Berlin, als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
Die Klangfülle und die Kraft der Orgel, so sagt er, hätten ihn von Anfang an fasziniert. Und meint damit weniger das Blockartig-Monumentale, sondern die klanglichen Feinheiten. Denn Michael Pelzel ist ein ausgesprochen klangorientierter Komponist. Die Musik des Fin de Siècle, des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat es ihm angetan, und deren Raffinesse und Opulenz ist Vorbild auch für die eigenen Werke – die mitnichten Retro-Sehnsüchte befriedigen, sondern komplexe Partituren auf der Höhe der Zeit sind.
Vom Solostück über Kammermusik bis zum Orchesterstück hat Pelzel das gesamte Spektrum von Instrumentalmusik abgedeckt. Besonderes Gewicht haben einige groß besetzte Ensemblewerke, die beim Festival Ultraschall im Januar 2015 in einem Porträtkonzert zu hören sein werden. Vokalmusik spielt bisher keine herausgehobene Rolle, aber das wird sich nicht zuletzt in seinem Berliner Jahr ändern.
Michael Pelzel scheint einesteils ein ziemlich heimatverbundener Mensch zu sein. Geboren 1978 in Rapperswil, verbindet ihn mit dem Zürichsee und den alten, majestätischen Raddampfern eine innige Beziehung. Seit längerem lebt er in Stäfa, etwas oberhalb von Zürich. Andernteils hat er auch schon ein halbes Jahr in Afrika verbracht – und nun beginnt also Berlin.
Das Präludium zur Einladung durch das Berliner Künstlerprogramm des DAAD war der Busoni-Kompositionspreis der Akademie der Künste, den er 2011 erhielt. (Einer von zahlreichen Preisen, die Pelzel in den letzten Jahren abräumte.) In seiner Laudatio rühmte Enno Poppe damals die Fähigkeit, „Einflüsse in etwas Persönliches zu verwandeln“. Michael Pelzel, so Poppe, gehöre „zu den begeisterungsfähigsten Komponisten“, die er kenne. In der Tat, zu den hervorstechendsten Eigenschaften des Schweizer Komponisten gehört sein außerordentlicher Enthusiasmus.
Deutlich wird solche innere Glut zum Beispiel, wenn der enorm belesene Komponist über seinen Lieblingsschriftsteller Hermann Burger erzählt. Da gerät er binnen kürzester Zeit ins Schwärmen, kann sich auch an Details begeistern, die andere gar nicht bemerken würden. Auch sein kompositorisches Interesse macht sich an solchen Details fest. Die bewusst gestaltete Großform ist auch ein Füllhorn von detailliert ausgearbeiteten Mikro-Organismen und Klängen. Alles in diesen Werken, um noch einmal Enno Poppe zu zitieren, sei durchgehört und durchgearbeitet.
Und noch etwas hat Pelzel mit dem heute leider nur noch wenig gelesenen Schweizer Schriftsteller gemeinsam. Es ist der Sinn für das Exzentrische, für das Skurrile. Nicht als Gestaltungsmittel eines gezielt um Aufmerksamkeit bemühten Komponierens, sondern getragen von einer tiefen, ehrlich ehrlich empfundenen Sympathie für das Artifizielle, für das Künstliche, das er in ein Künstlerisches verwandelt.
Wie sonst käme man auf die Idee, den „Prestidigitateur“ Diabelli, dem Hermann Burger eine wunderbar verschraubte Erzählung widmete, zum Helden eines Musiktheaters zu machen? Die Virtuosität der Zauberkünstler, die Akrobatik fordert ihn heraus, das Interesse am Versteckspiel, an der Illusion treibt ihn an. Und da befinden wir uns ja dann auf genuin musikalischem Gebiet.
In Berlin wird sich Pelzel also vornehmlich seinem Musiktheater-Projekt widmen. Und dabei zehren von einem frühen „Sündenfall“, wie er sagt, einem in jungen Jahren komponierten Musical, das ihm – wenngleich es ihn auf stilistische Abwege führte, die er nicht weiter verfolgte – Erfahrungen mit Musik für die Bühne verschaffte. Eine „Oper“ im traditionellen Sinn ist nicht zu erwarten. Vielmehr ein artistisches Zirzensium, eine hochvirtuose, arabeske, flamboyante, manieristische Etüde.
Und ganz bestimmt wird er in seinem Berliner Jahr auch als Organist tätig werden. Mit eigenen und fremden Werken.

Text: Rainer Pöllmann, 2014




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Foto: Vinzenz Niedermann

www.michaelpelzel.ch

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