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Seit 1989 haben es außer dem bereits vor der politischen Wende aktiven Béla Tarr nur zwei jüngere ungarische Filmemacher geschafft, international auf sich aufmerksam zu machen. Dies sind der Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczó und der 1974 in Budapest geborene Benedek Fliegauf. Der reine Autodidakt arbeitete nach einer Ausbildung zum Bühnenbildner beim ungarischen Fernsehen, wo er auch als Redakteur tätig war. Später wirkte er als Regieassistent beim renommierten Altmeister Miklós Jancsó mit, der in den 1960er und 1970er Jahren für seine epischen, durchchoreografierten Filme mit sehr langen Einstellungen bekannt wurde. Damit gehört Jancsó zusammen mit Béla Tarr zu den ungarischen Regieeinflüssen von Benedek Fliegauf, die sich vor allem in seinem zweiten Spielfilm DEALER manifestieren. Der Film unterstreicht in vielen 360-Grad-Kamerafahrten die Ausweglosigkeit seiner Protagonisten und zelebriert eine formale Meisterschaft. Und doch war Fliegauf nie ein Epigone dieser beiden Altmeister, sondern hat es immer wieder verstanden, sich künstlerisch neu zu bestimmen.

Nach einigen gefeierten Kurzfilmen gelang Fliegauf bereits mit seinem ersten, langen Spielfilm RENGETEG/WILDNIS der Durchbruch. Sein Werk wurde 2003 zum Forum auf der Berlinale eingeladen und gewann den Wolfgang-Staudte-Preis. Gedreht hatte Fliegauf einen ungarischen Dogma-Film mit Bekannten und Freunden. Dieses Debüt ist noch ein sehr dialoglastiger „talking heads“-Film, der mehreren Protagonisten folgt, die zu Beginn und am Ende des Films in einem Shopping-Center gefilmt werden. Benedek Fliegauf drehte digital und hat sich dieser damals revolutionären Technik seither verschrieben. Schon in DEALER ging er dann inhaltlich und ästhetisch einen ganz anderen Weg. Die Kamera folgt einem namenlosen Antihelden, der von allen nur „der Dealer“ genannt wird. Dieser Ex-Junkie vertickt seinen Stoff ebenso an einen Sektenguru wie an eine ehemalige Geliebte oder einen Ex-Schulfreund. Nahezu teilnahmslos wirkt er selbst wie ein Zombie in einem kalten, farbentsättigten Budapest voller Beton, schmuddeliger Wohnungen, Brücken und künstlichen Seen. Nur die Begegnung mit einem kleinen Mädchen, die angeblich seine Tochter ist, löst ihn vorübergehend aus seiner Starre. Das radikale, 160 Minuten lange Werk übt eine fast hypnotische Wirkung auf den Betrachter aus. Bei aller Melancholie und müden Tristesse blitzt jedoch immer wieder ein fast absurder, schwarzer Humor auf. So hat sich ein ehemaliger Bodybuilder beim Sonnenbaden im Solarium selbst verkohlt, weil er nach der Einnahme von Beruhigungstabletten einschlief. Er liegt wie ein eingegipstes Michelin-Männchen im Krankenhausbett und verflucht das Leben. Der Sektenguru wiederum hat aufgrund von Kokain solche Darmverstopfungen, dass sein aufgedunsener Bauch zu platzen droht. DEALER wurde in Ungarn mit annähernd 20.000 Zuschauern zu einem Szenehit und war vor allem auf DVD sehr nachgefragt. In Interviews zum Film betonte Benedek Fliegauf nicht ganz unkokett, dass er jeden Zuschauer verstehe, der bereits nach 15 Minuten das Kino verlasse. Er wolle mit seinem Kino nicht gefällig sein, sondern Zuschauer und Kritiker auch vor den Kopf stoßen.

Wenn DEALER durchaus konventioneller erzählt war, so geriet der dritte Spielfilm TEJÚT/MILCHSTRASSE zum formal bisher radikalsten Werk. Bestehend aus zehn Plansequenzen, die u.a. ein Schwimmbad, Windräder oder eine Strandpromenade zeigen, strapaziert Fliegauf mit diesem Film entweder die Geduld des Betrachters oder beglückt eingeschworene Fans des nichtlinearen Erzählens. Beim renommierten Filmfestival in Locarno gewann er dafür 2007 den Hauptpreis in der Kategorie „Filmmakers of the Present“. Ein Jahr später widmete ihm das Wiesbadener „Go East Filmfestival“ schon eine Retrospektive, und in einem Werkstattgespräch kündigte der Filmemacher an, einen ersten, englischsprachigen Film drehen zu wollen. WOMB wurde 2010 uraufgeführt. Mit der aus Hollywoodfilmen bekannten Französin Eva Green in der Hauptrolle, erzählte Fliegauf von einer jungen Frau, die ihren Liebsten verliert, ihn klonen lässt und als eigenes Kind wieder aufzieht, bis er ihr als Mann erneut Geliebter sein könnte.

Wie schon in DEALER arbeitete Bendek Fliegauf in WOMB mit dem Kameramann Péter Szatmári zusammen und sieht sich dabei in der sehr ungarischen Tradition, dass ein Kameramann nicht nur das Licht setzt und selber schwenkt, sondern auch dramaturgisch und inszenatorisch Einfluss nimmt. Und wenn in DEALER die 360-Grad-Kamerafahrten das Stilmittel sind, so besticht WOMB durch satte Farben, klassisch komponierte Tableaus, die in ihren Innenwelten mitunter an Andrej Tarkowskis „Nostalghia“ oder Gábor Bódys „Nárczisz es Psyché“ erinnern. Erstmals drehte Fliegauf mit einem richtigen Star (Eva Green) und bekannten Darstellern. Dabei flirtet er mit Themen wie Klonen oder Inzest bzw. mit dem Genre philosophisch angehauchter Science-Fiction-Filme, ohne jedoch klar Stellung zu beziehen. Das verleiht dem Film auch eine wohltuende Verspieltheit, die bei der Schwere des Themas überrascht. Obwohl WOMB sein teuerster und kommerziellster Film ist, konnte das Werk weder Zuschauer noch Kritiker gänzlich überzeugen. Aber hier lohnt sich ein zweiter Blick, ein mehrmaliges Anschauen. Dann fällt auf, wie präzise diesmal die Schauspielführung gelingt, und gerade in den Kinderszenen beweist Fliegauf viel Sensibilität.

Bis zu WOMB interessierte sich das Kino von Benedek Fliegauf nur peripher für soziale oder politische Aspekte. Das änderte sich dann mit seinem bisher letzten Spielfilm CSAK A SZÉL/JUST THE WIND, der 2012 auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann.

Der Film wurde schon während des Festivals zum Politikum. Im Vorspann wird eine Mordserie an ungarischen Roma erwähnt, der zwischen 2008 und 2009 insgesamt acht Menschen, darunter auch Kinder, zum Opfer fielen. Benedek Fliegauf betonte, dass seine Version nicht den tatsächlichen Ereignissen entsprach und es sich um eine fiktionale Aufarbeitung handelte. Dennoch fühlte sich der ungarische Staat dazu bemüßigt, die westlichen Filmkritiker mit einer Flugblattaktion noch während der Pressekonferenz aufzuklären und seine „einmalige Strategie zur Integration der Roma in Ungarn“ herauszustreichen.

Bendek Fliegauf reagierte verärgert und wollte sich von niemandem vereinnahmen lassen. Er vermeidet ein politisch korrektes Betroffenheitskino und zeigt nicht nur den alltäglichen Rassismus im Kleinen, sondern eine insgesamt verrohte ungarische Gesellschaft in der Provinz. Zunehmend fängt die bewegliche Handkamera die dauerhafte Bedrohung ein. Und so konnte Bendek Fliegauf erneut seine filmische Bandbreite unter Beweis stellen und diesmal ganz anderen Vorbildern, den belgischen Brüdern Dardenne, eine kleine Referenz erweisen. Der Filmemacher stellte diesmal sein Können und sein Handwerk ganz in den Dienst der Geschichte und fand eine adäquate dokumentarische Form.

Man darf also darauf gespannt sein, was nun in Berlin entstehen wird und wie die nächsten Werke des Regisseurs, Autors und Musikers Benedek Fliegauf ausfallen werden.

Autor: Jörg Taszman
Foto: Still aus Just the wind

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