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In dem sich ausdifferenzierenden Kanon der zeitgenössischen indonesischen Literaturszene verkörpert der 1957 in Jakarta geborene und dort noch immer beheimatete Autor Afrizal Malna eine ganz eigene Stimme. Seine Gedichte – „körperliche Begegnungen mit dem urbanen Raum“, so der in Jakarta lehrende Wissenschaftler und Übersetzer Andy Fuller – stehen in deutlichem Kontrast sowohl zu dem reinen Intellektualismus eines Goenawan Mohamed wie auch dem sanften Romantizismus, wie ihn etwa Sapardi Djoko Damono vertritt. Malna dagegen ist ein Zweifler an der Sprache – der die Arbeit an und mit der Sprache zugleich zu seiner stärksten Waffe erhoben hat, um Indonesiens langen und von sozialen wie politischen Verwerfungen begleiteten Weg in die Moderne immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

„Sprache ist ein Monster, das Kommunikation erzeugt und sie zugleich durchkreuzt“, so schreibt der studierte Philosoph Malna mit dem ihm eigenen rätselhaften Witz im Vorwort seines Gedichtbandes Second Hand Language Store A and B (2012): Warum – so heißt es dort – erfinden Menschen die Sprache, um mit Menschen zu sprechen? Allemal, da Sprache immer ein Problem sei – und Probleme die menschliche Sprache zu sein scheinen. In all seinen Gedichten reflektiert, nein erforscht er daher das vertrackte Verhältnis zwischen Sprache, Körper, Raum. Vertrackt, denn nicht zuletzt die Sprache – die man vermeintlich hat und die man doch immer wieder „machen“ muss – bestimmt über den Ort des Ich im Raum.

Der philosophisch grundierte Witz seiner Gedichte paart sich dabei sowohl mit einer großen Sinnlichkeit als auch politischem Hintersinn. Tatsächlich wurzelt sein Sprachverständnis in der politischen Literatur. Dieser hatte Malna sich schlagartig verschrieben, nachdem auch sein Haus im Januar 1974 im Zuge der tödlich endenden Studentenproteste gegen Suhartos „New Order“-Doktrin von Sicherheitskräften durchsucht worden war. In den 80er und 90er Jahren war er Mitglied des Theaters Sae, das wie viele andere Gruppierungen der damals blühenden Avantgarde-Szene dem Regime Suhartos mit den Mitteln der Kunst Widerstand leistete, indem es den gesellschaftlich Entrechteten und Marginalisierten Gehör und Raum verlieh. In den 90er Jahren engagierte Malna sich zudem kurzzeitig in der Aktivistengruppe „Urban Poor Consortium“, die bis heute Kritik übt am mangelnden Wohnraum für die Ärmsten der Armen.
Wenn Malna, der auch Theaterkritiker ist und Romane schreibt, über den Körper im Raum nachdenkt, meint er also etwas äußerst Konkretes – auch, wenn seine Gedichte inzwischen in einem eher spielerischen Gewand daher kommen. Man lese nur die Titel, die da lauten: Anthropologie einer Coca-Cola-Dose; Aktiv-Aktivitäten der Eisklötze; Müllverbrennung, die rote Schreibmaschine. Tatsächlich geht Malna immer von einem einzelnen Alltagsobjekt aus – um seine Leser dann rasch mit irritierenden Satz- und Sinnbrüchen zu konfrontieren, die das vermeintlich Vertraute fremd und rätselhaft erscheinen lassen. Seine Lyrik – für die Dichterin Ulrike Draesner (die 2012 mit Malna zusammentraf und einige seiner Gedichte ins Deutsche übertrug) ein „Wesen zwischen Prosa und Poesie“ – arbeitet syntaktisch: Satz nach Satz – oder sollte man sagen: Satz gegen Satz? Denn die Abfolge ist nicht linear, sondern sprunghaft wie die Syntax selbst. Disparate Objekte werden in Bezug gesetzt – andere Sätze bleiben unvollständig und somit mehrdeutig. Es ist eine zersplitterte und zugleich unabschließbar zur Interpretation aufrufende Lyrik – die der fragmentierten Gegenwart des zeitgenössischen Indonesiens ins Auge blickt.

Die indonesische Sprache nennt Malna übrigens in doppeldeutiger Weise eine Sprache ohne Heimat: nach Hause gehen – pulang kampung – bedeute einerseits, in ein kleines Dorf in eine kleine Stadt zurückzukehren. Doch Suhartos New-Order-Doktrin hatte – um der Bildung einer einheitlichen Nation zuliebe – auch die Zerstörung von Land und die Entwurzelung der dortigen Bewohner zur Folge. Zugleich sei das Indonesische, so Malna, eine Sprache, die sich jeglicher Domestizierung verweigert. Er selbst sucht deshalb nach einem Indonesisch, das die Geschichtsvergessenheit seiner Heimat ebenso zu reflektieren vermag wie die Tatsache, dass dieses „geeinte“ Indonesien ein Konstrukt ist.

Seine Gedichte sind insofern noch immer empörte Einlassungen gegen die sozial und politisch untragbaren Zustände seiner Heimat. Er prangert die grassierende Arbeits- und Perspektivlosigkeit ebenso an wie Korruption und die „Leichenpolitik“ der Regierung; es geht ihm um Umweltzerstörung und allgegenwärtige Gewalt: „Menschen werden vergewaltigt. Das Land wird vergewaltigt. Die Erde wird vergewaltigt.“ („Leichenpolitik, von Morgenzeitung vertuscht“, Übersetzung: Ulrike Draesner). Seine Sprache hat Malna zu diesem Zwecke verwandelt in einen wendigen Körper, der sich zur Wehr setzt gegen Bürokratisierung und Willkür, gegen Überformung und Uniformität, gegen Dogma und Verbot: „Die jungen Leute wissen, dass ihre Körper unnummerierte Eisblöcke sind. Sie schmelzen, um zu poppen. Sie schmelzen, um einen Job zu ergattern. Sie schmelzen, um sich Schuhe zu kaufen. Und werden wieder zu Eisblöcken. Sie werden Eisklötze, um zu schmelzen. Sie werden Eisklötze, um ins Haus zu treten. Sie werden Eisklötze, um zur Schule zu gehen. Sie gefrieren und schmelzen wie Wasser, das ins Eisfach geschoben wird.“ (in: „Aktiv-Aktivitäten der Eisklötze“, übersetzt von Ulrika Draesner)

Man kann ihn sich daher bestens vorstellen, wie es ist, wenn er als Performance-Künstler die Bühne betritt: der drahtige Körper voller Präsenz, die Stimme ein raumgreifendes Instrument, das den Körper schlagartig mit dem Publikum verbindet. Alles hängt bei Malna, dessen Produktivität enorm ist, mit allem zusammen: Seine Reisen, um auf internationalen Poesiefestivals teilzunehmen, schlagen sich nieder in Essays und Gedichten; Gedichte führen zu Reisen. Praxis und Theorie; Erleben und Kunst sind hier untrennbar eins.

Nur im Fließen ist das Wasser stetig, so schreibt er im Vorwort zu „Second Hand Language Store A and B“ (2012). Wendig, wie seine Gedichte sind, zwingt, nein erlaubt dieser Dichter uns, ebenso wendig zu werden wie das Wasser – und das bricht bekanntlich den Stein.


Text: Claudia Kramatschek
Foto: Krzysztof Zielinski




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Silke Behl/Ulrike Draesner: „Er steht da und beginnt zu sprechen“. Über Afrizal Malnas Gedichte. In: Sprache im technischen Zeitalter. 204/Dezember 2012, S. 491-504
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