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Sie sei eine „Sprachmagierin“, attestierte der niederländische Literaturkritiker Rob Schouten seiner Landsmännin, der Dichterin und Übersetzerin Anneke Brassinga, als diese 2013 zu Gast war auf dem Internationalen Poesiefestival in Rotterdam. Seit Mitte der 80er Jahre bezaubert die 1948 geborene Lyrikerin ihre Leserschaft mit einem einzigartigen Gespür für das Material der Sprache, das oftmals selbst im Vordergrund ihrer Gedichte steht. Dass sie zur Dichterin wurde – 1987 debütierte sie mit dem Band „Aurora“; es folgten bis dato acht weitere Lyrikpublikationen sowie zwei Prosawerke und ein Essayband – verdankt sich eher einem Zufall: Mitte der 70er Jahre wurde Brassinga von der damals noch jungen Zeitschrift De Revisor gebeten, einzelne Gedichte aus Sylvia Plaths Ariel ins Niederländische zu übersetzen. Sie selbst mochte Gedichte bis zu diesem Zeitpunkt nicht besonders – sie galten ihr, wie Brassinga gesteht, als „Freibrief für Effekthascherei, eitle Fratzereien, Gefühlsduselei“ (Anneke Brassinga in: Schreibheft 72/2009). Doch die Lektüre von Plaths Lyrik wird für sie zu einer Art Erweckungserlebnis. Hier, so begreift sie, ist nicht einfach Dichtung am Werk, sondern eine „unter Hochspannung stehende Substanz“ (Brassinga in: Schreibheft 72/2009). Das zweite entscheidende Lektüre-Erlebnis wird Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil. Den übersetzt sie Mitte der 80er Jahre – und gewinnt aus der Konzentration, die sie dafür aufbringen musste, einen, „Überschuß an verbaler Energie, die ihr Ventil schließlich im Verfassen eigener Gedichte fand“ (Brassinga in: Schreibheft 72/2009). Die Lyrikerin Brassinga gäbe es also nicht ohne die Übersetzerin Brassinga (als solche hat sie u.a. Samuel Beckett, Ingeborg Bachmann oder Vladimir Nabokov ins Niederländische übertragen): „Schreiben, und gewiss das Schreiben eines Gedichts, ist dasselbe wie Übersetzen, nur in umgekehrter Reihenfolge: ein behutsames Tasten nach dem klopfenden Herzen des eigenen Textes“ (Brassinga in: Schreibheft 72/2009). Bestechend ist der Erfindungsreichtum ihrer Sprache. Einerseits liebt Brassinga das Spiel mit Wortneuschöpfungen – zugleich erscheint ihre Lyrik wie ein „Sanktuarium für bedrohte Wörter“, so Rob Schouten. Dennoch bewegen sich ihre Gedichte nicht einfach in einer rein sprachlich definierten Parallelwelt, sondern wurzeln sehr wohl in der Realität. Viele ihrer Gedichte handeln vor allem von der Natur – für Brassinga Inbegriff der Schöpfung selbst. Der huldigt sie, indem sie nicht zuletzt auch das Dichten als eine Art Schöpfung erachtet, die etwas ins „Seyn“ bringt (so der Titel eines ihrer Gedichte), sprich: den Akt der Schöpfung am Material der Sprache selbst nachvollzieht. Kein Wunder also, dass ihre Lyrik – zuletzt wurde sie 2008 für ihr Werk mit dem angesehenen Constantijn-Huygens-Preis ausgezeichnet – nicht nur lautmalerische, sondern auch eine mystische Qualität besitzt: Brassingas Werk ist in Sprache verwandelte Ek-Stase; die Dichterin kommuniziert, um aus sich herauszutreten. Immer sind in ihren Gedichten
urzeitliche Kräfte am Werk: „Wie Narziss / kann man sich in die Ursprache verlieben/als wäre sie ein frisiertes Mofa;/ das wiehernde Ross der Ewigkeit reiten / ihm auf der Suche nach Zitzen den donnernden Sog der Milch/ zu schlürfen, woraus Sprache fließt / mit feurigen Flammen, so dass Gehirn / mit Tigersäften befrachtet wird, ein Viertel / Jahrtausend Jahre alt.“ – so heißt es in „Seyn“ (aus: Anneke Brassinga, „Kennwörter“). Ihre Sprache mutet dabei mal barock, mal aber auch drollig-burlesk an: „Meide das Sonntagmittagsglibberpuddinggrün, / das waldwegsieblichtstrahlend; vertreib dich selbst / aus den kleinen Krondomänennaturwaldläuferparadiesen, / bevor heißer Satansatem das Familienoberhaupt zum Ei kocht.“ („Hausrat“) Was Brassinga für die Lektüre eines jeden Gedichtes als unabdingbar erachtet – sich selbst als Leser auszuschalten, sprich: von keiner Rührung oder aufwühlenden persönlichen Empfindung ergriffen zu sein – gilt übrigens auch für die Lektüre ihres Werkes: Es fordert dazu heraus, den Text als eine hieroglyphische Ganzheit zu verstehen – samt seines Klangs und seiner mimetischen Effekte, samt seiner assoziativen Cluster und seiner rhythmischen Muster. „Das alles“, so fasst sie in ihrem Essay „Das klopfende Herz des Textes“ abschließend zusammen, „verwandelt sich in eine Art räumliches Raster, in einen durchlässigen Wall, der etwas umschließt – ein gefangenes Tier, wie Nijhoff sagt. Es ist die unsichtbare Substanz des Gedichtes. Bestehend aus Sprache, so wie wir alle aus Fleisch und Blut bestehen und trotzdem jeder anders ist, und, innendrin, das Leben.“ (in: Schreibheft 72/2009). Ihre Lyrik pulst in der Tat wie ein lebendes Organ: durchströmt von starken appellativen Effekten – und doch eigensinnig beharrend auf der poetischen Autonomie.


Text: Claudia Kramatschek
Foto: © Peter Wesly


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Immer wird etwas auf die Spitze getrieben. Fünfzehn Gedichte. Aus dem Niederländischen übersetzt von Maria Csollány und Ard Posthuma. Nederlands Letterenfonds. Amsterdam 2013.

„Das klopfende Herz des Textes. Übersetzen und Dichten.“ In: Schreibheft 72. Zeitschrift für Literatur. Essen, 2009. S. 161-163

Gedichte. In: Wespennest Nr. 165. Wien 2013. S. 10-12 (aus dem Niederländischen von Maria Csollány).

Jaap Grave, Jan Konst, Bettina Noak (Hg.): „Keine triste Isolde. Gegenwartslyrik aus Flandern und den Niederlanden.“ Zweisprachige Ausgabe. Übersetzer: Marlene Müller-Haas, Ard Posthuma, Gregor Seferens, Ira Wilhelm. Wallstein Verlag 2007. S. 72-107.
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Vorhang auf...

"Meide das Sonntagmittagsglibberpuddinggrün!“ Ein großer Anneke-Brassinga-Abend.

und Esther Kinsky in Lesung und Gespräch

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