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Wer etwas über Kuba erfahren möchte – der ist bei dem kubanischen Schriftsteller José Manuel Prieto an der falschen Adresse. Prieto kam zwar – als Sohn eines von der Revolution begünstigten Arztes – 1962 in Havanna zur Welt, wo er unter anderem das kommunistisch ausgerichtet Elitegymnasium Lenin besuchte. Doch kurz nach dem Abitur unternimmt er jene folgenreiche Reise, die – so schreibt er in seinem kleinen Traktat „Die kubanische Revolution und wie erkläre ich sie meinem Taxifahrer“ (2008) – sein „Leben von Grund auf verändern sollte“: Prieto bricht, 19-jährig, auf nach Nowosibirsk, um dort Ingenieurwissenschaften zu studieren. Aus den Tropen kommend, lernt er nicht nur mit Erstaunen anhand der Eisblumen am Fenster die Außentemperatur zu entziffern – er verliebt sich auch in die russische Sprache und Literatur. Als das einstige Imperium Ende der 1980er Jahre zusammenbricht, wird Prieto vom politischen Tauwetter zwar kalt erwischt: Die sowjetischen Subventionen werden eingefroren; der Auslandsstudent steht ohne größere finanzielle Mittel da. Doch Prieto bleibt – und wird das Land erst 1994 verlassen, Richtung Mexiko-Stadt. Schon lange hat er die mexikanische Staatsbürgerschaft angenommen, inzwischen lebt er in New York und unterrichtet dort Literatur an der Seton Hall Universität. Führt man sich diese Eckdaten vor Augen, so verwundert es nicht, dass Prieto – ein Reisender zwischen Sprachen und Kulturen – aus diesen biografischen Koordinaten auch literarisch Funken schlägt: Er schreibe, so Eva Karnofsky 2008 in der Neuen Zürcher Zeitung, „die Prosa eines in die Weltliteratur vernarrten, russophilen und experimentierfreudigen Ingenieurs“. Die Schauplätze seiner Prosa – bis dato liegen zwei Erzählbände, ein Reisebuch und eine Roman-Trilogie vor – sind zwischen Osteuropa und Russland angesiedelt; immer besticht diese Prosa durch ein reiches und fein gewobenes Netz an innerliterarischen Verweisen; „kubanisch“, sprich: der Tradition eines magischen Realismus verpflichtet ist daran eigentlich nur noch die teils ins Fantastische gesteigerte Überdrehtheit mancher halluzinatorisch anmutender Szenen, in denen Prieto die Trennschärfe zwischen Traum und Wirklichkeit bewusst verschwimmen lässt. Internationale Bekanntheit erlangte Prieto, als 1999 mit „Liwadija“ (dt: 2004) der zweite Roman seiner Russland-Trilogie erschien und in rascher Folge in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Diese Trilogie – Teil eins, „Enciclopedia de una vida en Rusia“ (1996), ist bislang unübersetzt; 2007 erschien mit „Rex“ (dt.: 2008) der dritte Teil – stimmt einerseits einen aberwitzigen und zugleich faktengesättigten Abgesang an auf den Niedergang des Sowjetimperiums samt seiner Ideologie, dem Kommunismus: Ob detailreiche Miniaturen über die post-sowjetische Depression angesichts der rauen Gesetzte eines plötzlich entfesselten „freien“ Marktes wie in „Liwadija“ oder perfide Seitenhiebe auf die protzige Verschwendungssucht der Neureichen wie in „Rex“ – man merkt, dass Prieto aus eigener Anschauung und persönlichem Erfahrungsschatz schöpft. Aber er schöpft mit ebenso großer Lust aus dem Fundus der großen Weltliteratur – und der Trickkiste des postmodernen Erzählens: In „Liwadija“ spielt er nicht allein mit biografischen Parallelen – Erzähler der gesamten Trilogie ist ein gewisser J.P. –, sondern legt allerlei weitere falsche Fährten und Wegweiser aus. Zugleich ist der Roman – die Geschichte eines kubanischen Schmugglers, der in einem russischen Kaff Briefe einer Frau erhält, die ihn verlassen hat, bevor er sie de facto lieben konnte – ein literaturhistorisches Puzzle, in dem Nabokov ebenso sehr eine Rolle spielt wie Mozart und berühmte literarische Briefwechsel. Dient in „Enciclopedia de una vida en Rusia“ die Struktur des Wörterbuches als ordnendes Element, so der Brief in „Liwadija“. In „Rex“ schlüpft Prieto wiederum in die Rolle eines Hauslehrers – der dem pubertären Sohn eines Mafiapärchens auf der Grundlage eines einzigen Buches die Welt erklärt: mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Gekonnt vermischt Prieto in diesem Roman die Kolportage mit der Sozialreportage, den Kriminalroman mit Momenten der Satire und der Persiflage. Doch Vorsicht: Man sollte sich von der kunstvollen und heiteren Oberfläche dieser drei Romane nicht hinters Licht führen lassen: Vor allem mit „Rex“ erweist sich Prieto als ein so gelehrter wie auch tiefsinniger Autor. Denn tatsächlich kann man seine Russland-Trilogie (deren sprachliche Finessen Susanne Lange in ein schillerndes Deutsch übertragen hat) auch als eine Art „éducation sentimentale“ vor dem Hintergrund des scholastischen Gegensatzes zwischen Geist und Materie entziffern: als den Werdegang eines Mannes, der – enttäuscht vom Blendwerk einer falschen Ideologie – sich dem reinen Materialismus zuwendet, dann aber zum Retter einer (schönen) Seele wird und schließlich erkennt, dass die Welt in ihrer reinsten Form allein mit Hilfe des Geistes, nämlich durch die Brille der Literatur begriffen werden kann. Sprich: Prieto reflektiert mit seinem Werk immer auch das Wechselverhältnis zwischen der Wahrnehmung von Wirklichkeit und deren Überformung durch die Literatur und entfaltet somit selbst eine Literatur der vielfältigen Korrespondenzen. Diese ist durchzogen von vielen losen Enden und darin nicht zuletzt ein subtiles Abbild auch der migratorischen Erfahrung des Autors. Vor allem aber erinnert sein Werk mit jeder Zeile an die verbindende Kraft, die ihr innewohnt: Schreiben, so formulierte es Prietos Schriftstellerkollege und Geistesverwandter Aleksandar Hemon in seiner Besprechung von „Liwadjia“ – bedeute, das Ortlose – Menschen und Dinge – in Beziehung treten zu lassen. Aus der zum Klischee ihrer selbst erstarrten kubanischen Literatur mit ihrem Hang zum tropischen Klischee und einem vulgären Realismus sticht Prieto – der sich auch als Übersetzer russischer Literatur ins Spanische einen Namen gemacht hat – deshalb wie ein großer Außenseiter hervor. Unbeirrt hat er – und damit ist er einer der herausragenden Vertreter einer jüngeren Generation lateinamerikanischer Autoren, die sich vom Regionalismus ab- und Sujets von globaler Tragweite zugewendet haben – ein so eigenes wie eigenwilliges Werk geschaffen, das sich jeder Festlegung entzieht.

Text: Claudia Kramatschek
Foto: © Jerry Bauer


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Liwadija. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2004. Rex. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008. Die kubanische Revolution und wie erkläre ich sie meinem Taxifahrer. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Edition Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008.
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