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Eugene Ostashevsky ist knapp 11 Jahre alt, als er 1979 mit seiner Familie das heimische Leningrad verlässt und im Zuge des damaligen großen jüdischen Exodus, kurz vor der sowjetischen Invasion Afghanistans, in die USA emigriert. Amerika wird ihm zur zweiten Heimat, das amerikanische Englisch zu seiner zweiten Sprache. Er wächst zweisprachig heran – und wird umso empfänglicher für die unaufhebbare Kluft zwischen einzelnen Sprachen und ihrem Verhältnis zur Welt. Im Besitz zweier Sprachen, erscheint ihm fortan jede Sprache wie ein merkwürdiges, da künstliches Gebilde. Immer wieder erlebt er am eigenen Leib, was passiert, wenn eine Sprache die andere „stört“ – und entwickelt aus dieser Erfahrung ein feines Gespür für die aberwitzige Tatsache linguistischer Inkommensurabilität, die zum grundlegenden Impetus seiner auf Wortspielereien basierenden Gedichte wird. In den 90er Jahren – Ostashevsky studiert zu dieser Zeit Vergleichende Literaturwissenschaften an der Stanford University; inzwischen lehrt er Literatur an der New York University – hat er seine ersten Auftritte: Er ist Mitglied des Schriftstellerkollektivs 9x9 Industries, das für seine ungestümen Lesungen bekannt ist, sowie von Vainglorious, einer Performance-Künstlerorganisation. 2005 erscheint sein erster Gedichtband „Iterature“. Der Titel ist Programm: In mehreren, aus Zweizeilern bestehenden Zyklen spielt Ostashevsky auf witzig-subversive Weise mit der Semantik lautlicher Strukturen – und er mischt schon hier Elemente der von ihm verehrten russischen Oberiuten mit einem so zeitgenössischen wie amerikanischen Idiom. Rhythmus und Reim stehen im Vordergrund einer teils dadaistisch anmutenden Lautmalerei, doch unterhalb der spielerischen Oberfläche schimmert seine tiefer gehende Reflexion über das Wesen kultureller Zugehörigkeit auf. Tatsächlich, so erzählte er im Interview mit dem Magazin „3:AM“ (4.3.2012), erlebt er seinen wahren Kulturschock, als er zum ersten Mal mit amerikanischer Lyrik konfrontiert wird: Kein Reim, kein Rhythmus, kein Versmaß, nur Worte und Schweigen – er dagegen war aufgewachsen in einer poetischen Tradition, der die klassische Prosodie unabdingbar war. Ostashevsky selbst ist am stärksten beeinflusst vom Werk Daniil Charms’, jenem russischen Dichter, der u.a. 1927 die Künstlergruppe OBERIU mitbegründet, deren absurd-groteskes Gedankengut im stalinistischem Umfeld erst geächtet, dann verboten wird. Ostashevsky teilt mit Charms nicht allein eine natürliche Begabung für Reim und Rhythmus – er hat sich auch früh schon für die breitere Rezeption der Oberiuten stark gemacht: 2006 erschien seine vom „Times Literary Supplement“ hochgelobte Anthologie „OBERIU: An Anthology of Russian Absurdism“, der erste Sammelband dieser Art in englischer Sprache. „Sein“ Charms – so Ostashevsky im besagten Interview mit „3:AM“ – sei übrigens jener, der nicht zuletzt auch über Mathematik schrieb, sich dabei fragte, wie die Welt wohl aussehen würde, wäre der Satz n + 1 = n+1 nicht automatisch wahr – und zur Schlussfolgerung kam, dass die Welt schon längst genau so beschaffen sei! Entsprechend ist auch Ostashevsky Werk von vielen Sprachen und Sprachsystemen durchzogen – alle aber, auch die Sprachen der Mathematik und der Logik, sind gleichermaßen entstellt. In diesem Licht einer kritischen Liebe zur Sprache erschließt sich auch sein Gedichtband „The Life and Opinions od DJ Spinoza“ (2008) – einer, so Ostashevsky, „Meditation über den klassischen Rationalismus im Lichte des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes und anderer Kalamitäten“, die über Spinozas Traum einer universal gültigen Sprache, mit der die Welt sich restlos benennen und erklären ließe, hereingebrochen sind. Wie ein DJ, der aus der Bewegung eines driftenden „Spin“ heraus Altes zu Neuem mixt, lässt Ostashevsky (als Teenager auf der Highschool lernt er die Kunst des amerikanischen Reimens mit Hilfe von Run-DMC und den Beastie-Boys zu schätzen) den Beat des Raps auf Majakowski und „Fox in Socks“, den Zungen brechenden Kinderklassiker aus dem Jahr 1965, treffen. Es treten auf: MC Squared, das Begriffon und Che Bourashka (angelehnt an Tscheburaschka, eine populäre sowjetische Film- und Romanfigur für Kinder). Brodsky gesellt sich zu Trotzki; DJ Spinoza führt ein hintersinniges Gespräch mit Gott über dessen Existenz. Folgt man DJ Spinoza, ist Kommunikation ein Ding der Unmöglichkeit – weil es keine Worte gibt, die „wahr“ wären in dem Sinn, dass sie für alle die gleiche Bedeutung besitzen. „DJ Spinoza“ handelt, so Ostashevsky in einem Interview mit dem kanadischen Magazin „Maisonneuve“ (Juni 2011), daher zuletzt auch von der Einsamkeit – und davon, was es bedeutet, wie Spinoza jüdisch und exiliert zu sein. Einsam ist auch die titelgebende Figur seines dritten Gedichtbandes „Enter Morris Imposternak, Pursued by Ironies“ (2008), der 2010 von Uljana Wolf ins Deutsche übertragen worden ist („Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien“): Wie kann man, so fragt sich Morris Imposternak, echte Gefühle empfinden in einer Welt, in der alles von Sprache abhängt und damit von Interpretation und Fehlinterpretation? Ostashevsky selbst neigt in seinem aktuellen Werk übrigens noch einmal stärker zum spielerischen Ansatz der Kinderliteratur (auch darin ist er ein Nachfahre der russischen Avantgarde-Literaten). Einen wunderbaren Eindruck dieses „“Neuen Infantilismus“ – wie Ostashevsky seine eigene Entwicklung ironisch nennt – vermittelt der in Arbeit befindliche Zyklus „The Pirate who does not know the Pi“. Angelehnt an die Tradition europäischer Kinder- und Nonsensegedichte sowie an die russisch-jüdische Piratenfolklore der 60er Jahre, bringt Ostashevsky hier wortwörtlich zur sprachlichen Aufführung, was passiert, wenn Wesen (in diesem Fall ein Pirat/pirate und ein Papagei/parrot) miteinander (nicht) kommunizieren – und zeigt, dass der Weg von „disparate“ zu „desperate“, vom Ungleichsein zum Unglücklichsein manchmal nur zwei kleine Buchstaben lang ist. Beseelt vom schwarzen Humor der Marx Brothers einerseits und inspiriert vom Gedankengut der Sapir-Worf-Hypothese, der zufolge die grammatikalisch-lexikalische Struktur einer jeden Sprache das jeweilige Denken und somit die Welterfahrung prägt, erweist sich Eugene Ostashevsky somit einmal mehr als ein „Pun-dit“ der Sprache: als ein Meister poetischen Wortwitzes, der die Abgründe dessen, was ihm Fundament und Gegenstand gleichermaßen ist, mit scharfsinnigem Humor in leichtfüßige Lyrik verwandelt.



Text: Claudia Kramatschek

Foto: Eugene Timerman






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Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf. SuKuLTuR Verlag. Berlin 2010. Drei Gedichte, aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf, in: Das Magazin der Kulturstiftung des Bundes Nr. 19. 2012.
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