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Sie sei der weibliche Pablo Neruda des Afrikaans – sagte vor vielen Jahren einmal die südafrikanische Literaturwissenschaftlerin Joan Hambridge über die 1952 geborene Lyrikerin und Autorin Antjie Krog. Tatsächlich hat Krogs Stimme in Südafrika – jenem Vielvölkergemisch, das 1994 unter seinem ersten schwarzen Präsidenten Nelson Mandela das grausame Apartheidsystem überwand – fast ikonischen Charakter, hat sie doch den langen und schwierigen Weg des Landes in ihren Schriften von Anfang an mit Empathie und Unerschrockenheit begleitet. Schon als Jugendliche begehrt die aus einer Familie weißer Südafrikaner stammende Krog gegen das Apartheidregime auf: 1970 – die Rassenpolitik des damals amtierenden Ministerpräsidenten Johannes Vorster befand sich quasi auf ihrem Höhepunkt – verfasst die damals Siebzehnjährige für die Schülerzeitung ein so schlichtes wie eindringliches Gedicht, in dem sie die Rassentrennung anprangert. Dieser erste Akt einer politischen Rebellion ist umso erstaunlicher, da Krog in einer „geschlossenen“, da komplett von Weißen geprägten Welt aufwächst: Sie muss 22 Jahre alt werden, bis sie zum ersten Mal Schwarzen begegnet, die einen Universitätsabschluss besitzen. Sie selbst wird Afrikaans, Anglistik und Philosophie studieren – und sich nebenbei einen Namen machen als Lyrikerin: 1971 – Krog ist gerade einmal achtzehn Jahre alt – erscheint ihr erster Gedichtband „Dogter van Jefta“ (Jeftas Tochter). Der Titel ist programmatisch: Wie alle ihre bis dato vorliegenden (elf!) Gedichtbände, handelt schon dieser von vorwiegend weiblichen Lebenswelten und -themen. Doch Krog – 1986-1987 unterrichtet sie beispielsweise angehende Lehrer an einer Hochschule für schwarze Südafrikaner – lässt dabei die Apartheid und somit eine politische Dimension nie aus dem Blick. Die schwierige, da stets ambivalente Bestimmung der Identität im Schnittfeld zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, zwischen Inklusion und Exklusion, bildet eine der Kernfragen ihrer Poetik als Lyrikerin und Autorin. Das spiegelt sich noch wider in ihrer jüngsten Gedichtsammlung „Body Bereft“ (2006), die sie übrigens nicht in Afrikaans, sondern auf Englisch geschrieben hat. Darin erkundet Krog unerschrocken das Altern des eigenen Körpers und sucht mittels exakt bemessener, aber dennoch zärtlich-wilder Bildern eine Sprache für die gesellschaftlich wie ästhetisch noch immer tabuisierte weibliche Menopause. In einem Land, so sagte sie in Kapstadt während ihrer Eröffnungsrede des „Open Book Festival 2012“, dessen Fundament selbst durch und durch politischer Natur sei, erübrige sich die Frage, ob Literatur politisch sein solle. In einem solchen Land nehme vielmehr jedes künstlerische Werk per se einen politischen Standpunkt ein. Krog selbst bezieht von Anfang an auch als Journalistin Position. Ab 1974 veröffentlicht sie erste Artikel; 1993-1994 fungiert sie als Herausgeberin des seinerzeit tonangebenden, linken Magazins „Die Suid-Afrikaan“. Sie wechselt zum Radio – und wird 1996 zur maßgeblichen Stimme jener, die kontinuierlich über die Arbeit der 1996 von Mandela eingesetzten Wahrheits- und Versöhnungskommission berichten. Antjie Krog, die Lyrikerin, verwandelt sich in Antjie Samuel, die Chronistin einer Ägide von Verbrechen und Unmenschlichkeit. Diese Arbeit macht sie berühmter als je zuvor. Um das unermessliche Leid, das ans Tageslicht kommt, zu verarbeiten, hält sie die Geschichten der Opfer und Täter fest: 1998 erscheint „Country of my skull“, das berührende Dokument einer Nation, die um der Zukunft willen in den Spiegel der eigenen Vergangenheit blickt: „Jeder Südafrikaner“, so äußerte Krog in einem Interview, „hat nur ein halbes Gedächtnis – ein weißes oder ein schwarzes. (...) Durch die Wahrheitskommission gibt es zum ersten Mal eine gemeinsame, zusammenhängende Erinnerung an Südafrikas Vergangenheit.“ (in: Manfred Loimeier: Wortwechsel. Gespräche mit afrikanischen Autorinnen und Autoren. Horlemann Verlag 2002, S. 124). „Country of my skull“ ist ein herausragendes Erinnerungsbuch, nicht allein formal: Krog greift sowohl auf Stilmittel des Journalismus wie der Poesie zurück. Vor allem aber konturiert Krog darin zugleich einen Wahrheitsbegriff aus dem Blickwinkel einer spezifisch „afrikanischen“ Philosophie: Wahrheit nicht als Ergebnis einer rein juristisch ausgelegten Gerechtigkeit, sondern als aktiver Akt eines kollektiven Gedächtnisses, das allen eine Stimme gibt. Nicht Auf- oder Abrechnung, sondern gegenseitige Anerkennung und Vergebung. Vergebung, Gerechtigkeit, Wahrheit, Erinnerung werden fortan zu zentralen Momenten von Krogs schriftstellerischem Engagement für das neue Südafrika. 2003 rekapituliert sie in „A change of tongue“ – erneut ein formaler Mix aus fiktionalen, poetischen, autobiografischen und reportageartigen Elementen, die sie übergangslos ineinanderblendet – wie sich das Land zehn Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen entwickelt und verändert hat. „Country of my skull“ und „Change of Tongue“ zählen seitdem zu den zehn besten Büchern der jungen Demokratie. Ein dritter Band folgt 2009: „Begging to be black“ – wie seine Vorgängertitel in englischer Sprache verfasst – ist eine luzide Erkundung des eigenen Standorts als einst unfreiwillig privilegierte, nun als Minderheit geltende Weiße in einem Land, in dem die Schwarzen, obwohl die Mehrheit, einst unterdrückt waren, nun aber die Norm und Normen bilden: Kann man als Weiße „schwarz werden“?, so fragt sich Krog – und unternimmt ausgehend von einem persönlichen Ereignis im Jahr 1992 eine Reise durch Zeit und Raum, zurück bis zur historischen Figur des Basotho-Königs Moshoeshoe, der im 19. Jahrhundert sein Auskommen mit den ersten westlichen Missionaren und Siedlern suchte. Stärker als zuvor umreißt Krog noch einmal die Frage einer spezifisch afrikanischen Perspektive auf Geschichte und deren Repräsentation, auf Inklusion und Exklusion. „Verbundenheit“ war übrigens das politische Motto für Moshoeshoes soziale Praxis. Krog, geehrt mit zahlreichen internationalen Preisen und Ehrendoktortiteln, vollzieht diese bis heute auf ihre Weise, nicht zuletzt als Lyrikübersetzerin aus anderen afrikanischen Sprachen. „Es gibt“, so Krog im besagten Gespräch mit Manfred Loimeier, „viele Stimmen und viele Farben, aber worauf es ankommt, ist die Farbe des Herzens.“ Ihres ist, man darf es getrost sagen, durch und durch schwarz.


Text: Claudia Kramatschek

Foto: Karina Turok

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- Antjie Krog: „Der Grund, warum man Poesie mag, liegt darin, dass man sie hört, wenn man sie liest“. In: Manfred Loimeier: Wortwechsel. Gespräche mit afrikanischen Autorinnen und Autoren. Horlemann Verlag 2002, S. 120-127.
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