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Wer in China die Wahrheit ausspricht, wer für die Opfer staatlicher Repression eintritt, setzt bis heute seine Existenz, wenn nicht gar sein Leben aufs Spiel. Rettung verheißt nur das Exil, vorausgesetzt, einem gelingt die Ausreise. Bevor der Dichter Liao Yiwu sich im Juli 2011 zu diesem Schritt entschloss, hatte er nicht nur über Jahre hinweg das Unrecht dokumentiert, das zahllosen Chinesen seit Gründung der Volksrepublik 1949 widerfahren ist, sondern auch als politischer Gefangener am eigenen Leib Willkür und Folter erfahren.
Liao Yiwus Leben stand von Anfang an unter ungünstigen Vorzeichen. 1958 in der Provinz Sichuan geboren, wäre er als Kleinkind während der großen Hungersnot beinah gestorben. Als er acht war, wurde sein Vater, ein Hochschullehrer, als Volksfeind geächtet, die Eltern ließen sich scheiden, um den Sohn zu schützen, der fortan in Armut aufwachsen sollte. Zuvor hatte er jedoch ein wertvolles Geschenk erhalten, das ihn nachhaltig prägte: „Zum Glück begann mein Vater in weiser Voraussicht bereits als ich erst drei Jahre zählte und noch kaum richtig sprechen konnte selbst mit meiner Erziehung und nötigte mich ein Jahr lang, lesen zu lernen und klassische Gedichte und Prosa auswendig vorzutragen.“ Nach Lehr- und Wanderjahren als Koch und Lastwagenfahrer entwickelte sich Liao Yiwu, der sich auch mit westlicher Lyrik auseinandersetzte, im Lauf der 1980er Jahre zu einem der namhaftesten, kühnsten Dichter seines Landes, der seine Werke teils im Underground, teils in anerkannten Literaturzeitschriften veröffentlichte. 1987 geriet er bereits wegen unliebsamer Kritik auf die „Schwarze Liste“, aber es war die Niederschlagung des demokratischen Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989, die ihn – und andere – zum aktiven Regimegegner machte. Unmittelbar nach den Ereignissen verfasste er das Gedicht „Massaker“; da es unmöglich gedruckt werden konnte, sprach Liao es auf Tonband, in ganz China wurden Kopien verbreitet, auch im Ausland wurde das Gedicht bekannt, das alles benennt, was die Machthaber unbedingt vertuschen wollten: „Unruhestifter fallen zu Tausenden, keiner hat eine Waffe/ Berufskiller schwimmen im Blut, mit Eisen behängt, sie legen Feuer unter verschlossenen Fenstern/ sie putzen die Stiefel mit dem Rock toter Mädchen, sie werden nicht zittern./ Roboter haben kein Herz, sie werden nicht zittern!/ Ihr Hirn hat nur ein Gesetz, ein Dokument mit tausend Lücken, das bedeutet / des Vaterlands Massaker an der Verfassung! / Der Verfassung Massaker an der Gerechtigkeit!“ Anschließend wollte Liao Yiwu einen Film über den 4. Juni drehen, aber er wurde im Februar 1990 festgenommen und wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ zu vier Jahren Haft verurteilt, die er fast vollständig verbüßte.
Dass Liao Yiwu diese Haftzeit überlebte, erscheint wie ein Wunder, wenn man sein jüngst in Deutschland erschienenes Buch liest, „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“. Die Brutalität der Wächter und der Mithäftlinge, die grausamen Foltermethoden, die systematische Entmenschlichung übersteigen jedes Vorstellungsvermögen. Liao Yiwu schildert das alles so nüchtern wie ein Chronist, doch mit der erschütternden Bildlichkeit eines Dichters. Umso größer ist die Sprengkraft, die diesem Dokument innewohnt – die chinesische Führung hat alles darangesetzt, eine Veröffentlichung zu verhindern, das Manuskript wurde mehrfach beschlagnahmt, sodass Liao Yiwu eine zweite und dritte Fassung erstellen musste, bis sein Bericht 2011 in Deutschland und Taiwan erscheinen konnte. In der Volksrepublik China darf er schon lange nicht mehr publizieren. 1994, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, blieb er ein politisch Verfolgter, ihm wurde die Aufenthaltsgenehmigung an seinem Wohnort entzogen, er konnte sich nur als Straßenmusiker und mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Als Außenseiter kam er in Kontakt mit vielen anderen, die aus Gründen politischer Missliebigkeit ins Abseits geraten waren, und nutzte das Verfahren der Oral history, um deren Schicksale festzuhalten. Seine „Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft“ sind hierzulande unter dem Titel „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten“ erschienen, und sie vermitteln einen überaus lebendigen Eindruck von der Vielfalt der Individuen, die auf unterschiedlichste Weise an den Rand gedrängt wurden. Ob es sich um die Falun-Gong-Anhängerin handelt, die in einer psychiatrischen Anstalt misshandelt wurde,oder um den Ausbrecherkönig kurz vor seiner Hinrichtung, um einen uralten ehemaligen Grundbesitzer oder ein modernesjungesBarmädchen, einenparteitreuen Kommunisten, den das Massaker vom 4. Juni zum Dissidenten werden ließ oder die Eltern eines vielversprechenden Studenten, der ebenjenem Massaker zum Opfer fiel: Liao Yiwu hat diese Menschen mit Engelsgeduld zum Reden bewegt, aus sämtlichen Gesprächen die Essenz herausdestilliert und so zu Papier gebracht, dass man beim Lesen das Gefühl hat, ihnen direkt zu lauschen.
Bei seiner Ankunft in Deutschland wurde Liao Yiwu von vielen illustren Freunden, Förderern und Bewunderern begrüßt. Zu ihnen gehört die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Überlebende einer anderen kommunistischen Diktatur, die den Dichter und sein Werk würdigt wie folgt: „´Für ein Lied und hundert Lieder` öffnet uns die Augen. Wie im vorherigen Buch ´Fräulein Hallo und der Bauernkaiser` schauen wir unter die Glanzfolie des neureichen, machthungrigen Imperiums. Ein Staat, der seine Gefängnisse und Lager nach dem Vorbild des Gulags verwaltet, ist kein moderner Staat, sondern ein maoistisches Relikt im Tarnanzug eines Wirtschaftswunders. Den Preis dafür bezahlt das Volk mit Entmündigung und Repression. Diese Tatsachen sind das eine. Aber das andere ist die große literarische Kraft dieses Buches. Durch seine Sprachmacht wird es schnauzkalt und hautwarm, zornig und charismatisch.“ So charismatisch wie sein Verfasser, der auch im Exil weiter als Sprachrohr der Unterdrückten wirken wird.

Text: Patricia Klobusiczky


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Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. Massaker: Frühe Gedichte. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. hochroth Verlag, Berlin 2011
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