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Bouchra Khalilis Videos sprechen sowohl intuitiv wie geistig an. Es ist möglich, in ihnen „nur“ Tondokumente illegaler Einwanderer zu sehen oder sich ganz in hypnotischen Stadtlandschaften auf der Bildebene zu verlieren. Doch die Künstlerin interessiert das Dasein im Untergrund als philosophisches Phänomen und den Beginn eines neuen Erzählens. Die 1975 in Casablanca geborene Bouchra Khalili folgt darin dem Literaturwissenschaftler Edward Said, der im Exil, der Immigration und dem Überschreiten von Grenzen Erfahrungen sieht, die „uns neue narrative Formen und ein anderes Erzählen“ verleihen. Bouchra Khalili erzählt in ihren Filmen individuelle Geschichten vom Exil, von Verlust und Entwurzelung.
Sie selbst wuchs in Marokko und in Frankreich auf, promovierte an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris in Filmwissenschaften und schloss zudem ihr Videokunst-Studium an der École Nationale Supérieure d’Arts de Paris-Cergy mit einem Master ab. Ihre Filme und Installationen bewegen sich an der Grenze von Kino und Bildender Kunst sowie Dokumentarfilm und Experimentalfilm. Seit 2002 hat sie mehr als 20 Videoarbeiten veröffentlicht, die sich auf vielfältige Art und Weise mit dem Thema Migration beschäftigen.
Sie führe das Medium Video zu seinen Wurzeln zurück, beschreibt Bouchra Khalili ihren gestalterischen Ansatz, möchte die Realität in ihrer ganzen Heterogenität festhalten. Dabei sei sie aber frei von dem Bedürfnis nach romantischer, linearer Narration. Ton und Bild gehen bei Bouchra Khalili immer getrennte Wege. Diese Dissoziation erzeugt beim Betrachter ein vielschichtiges gedankliches und emotionales Echo. Auf der Tonebene lässt Bouchra Khalili meist die Flüchtlinge selbst zu Wort kommen. Es ist ihr wichtig, deren spezifische Sprache zu dokumentieren. Die Erzählungen drehen sich um Orte, tatsächliche und imaginäre. Die verlassene Heimat, der ersehnte Zufluchtsort, die erzwungene Zwischenstation. Die meisten von Bouchra Khalilis Interviewpartnern flohen vor Bürgerkriegen, niemand ging freiwillig. Sie leben im Untergrund, illegal. Vorläufigkeit und Umwege bestimmen ihre Existenz.
Im „Mapping Journey“-Projekt (seit 2008) zeichnen Flüchtlinge eine „alternative“ Landkarte des Mittelmeerraums, indem sie auf die Oberfläche der gewöhnlichen Geographie ihre Zickzackkurse einzeichnen. Nichts als die Karte und die Hand des Erzählenden sind in dem Video zu sehen. Das persönliche Erlebnis wird mit der reinen Oberfläche der Kartografie konfrontiert. Ein junger Algerier etwa gelangte von Annaba nach Marseille. Um Südfrankreich zu erreichen, musste er aber via Sardinien, Neapel, Mailand und Paris reisen.
Parallel zum „Mapping Journey“-Projekt arbeitet Bouchra Khalili an den sogenannten „Straight Stories“ über moderne Nomaden. Das Videoprojekt ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil handelt von der Straße von Gibraltar. 2008 entstand in Istanbul der zweite Teil. Beide Orte stellen nicht nur kulturelle und territoriale Grenzen dar. Seit den Neunzigern sind sie auch zunehmend zu reinen Wartezimmern für Flüchtlinge geworden. Die Chancen auf eine Einreise in den Westen sind gering. In den Videos der „Straight Stories“-Serie fährt Bouchra Khalilis Kamera in Zeitlupe durch menschenleere Totalen von Städten und Landschaften. Auf der Tonspur erzählt dazu etwa der aus Afghanistan geflohene Ahmad, wie er versucht, seinen Status in Istanbul zu legalisieren, der junge Musa hofft auf seine Rückkehr in den Sudan, für die Irakerin Anya erfüllt sich nach zwölf Jahren der Traum von einem Visum für Australien.
In der Videoinstallation „Circle Line“ (2007) suggeriert Bouchra Khalili die Existenz einer Nomenklatura für die Einreise in die USA. Auf drei Monitoren multiplizieren sich Kamerafahrten und Bilder der Betonschluchten von New York. Eine Tonspur wurde bei einer Einbürgerungszeremonie aufgezeichnet. Auf ihr werden endlos die Namen verschiedener Länder aufgezählt. Auf den anderen beiden Monitoren werden Fragen für Green-Card-Bewerber und Fragmente aus einer Unterhaltung mit einem illegalen Einwanderer einander gegenübergestellt.
„Vue aérienne“ (2006) zeigt Luftaufnahmen einer unbenannten westlichen Großstadt. Dazu ist in deutscher Sprache von verpassten oder geplanten Begegnungen die Rede. Die Fragmente stammen aus Fassbinders Film „Die dritte Generation“. Bouchra Khalili untersucht in dem zehnminütigen Video Kino als Utopie und die Welt „als den Willen zur Darstellung“.
Der halbstündige Film „The Round Trip“ (2005-2006) gehört zu den „bewegungslosen Reisen“ in Bouchra Khalilis Werk: Ein Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau. Egal ob imaginär oder real, diese Briefe repräsentieren auch den Austausch zwischen zwei Städten und ihren Schicksalen. Schließlich aber schreibt der Mann nicht mehr.
Bouchra Khalilis Filme werden weltweit auf Festivals, in Galerien, Museen sowie Kunstsammlungen gezeigt. Sie liefen beispielsweise im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, in den Pacific Film Archives in Berkeley, am Centre Pompidou in Paris, in der Cinématheque Francaise, beim Rotterdamer und dem Oberhausener Filmfestival, im Reina Sofia Nationalmuseum sowie der Filmoteca Espanola. Ihre erste Monografie wurde unter dem Titel „Story Mapping“ im Herbst 2010 veröffentlicht. Bouchra Khalili gehört zu den Begründern der Cinémathèque de Tanger, einer Non-Profit-Organisation, die sich seit 2006 bemüht, arabisches und innovatives internationales Kino vorzustellen und zu fördern.

Text: Maike Wetzel



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2010 Mapping Journey # 5-8 (Video, 5-11’30) 2009 No Way Out (Video, 11’ 30) 2009 Mapping Journey #3 (Video, 3’30) 2008 Mapping Journey #1 & 2 (Video, 4’30 & 3’) 2008 Straight Stories Part 2: Musa/Ahmad/Anya (11’ & 9 ‘ & 12’) 2007 Circle Line (Videoinstallation, 3x6’)
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