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China und Westeuropa, Film und Literatur – die Schriftstellerin und Filmemacherin Xiaolu Guo bewegt sich erfolgreich in zwei Kulturen, zwei Sprachen sowie in zwei Kunstgattungen. Ihre Jugend verbrachte die 1973 geborene Autorin und Regisseurin in einem Fischerdorf im Süden Chinas. Sie studierte zunächst an der Filmhochschule in Peking, später an der National Film and TV School in London. Seit 2002 teilt sie ihre Zeit zwischen London und Peking auf.
Aufgrund der Zensur konnte Xiaolu Guo in China keinen Film realisieren, wurde aber schon während ihres Studiums 1998 als Chinas beste Drehbuchautorin ausgezeichnet. Die Behörden gestatteten ihr zwar keine Verfilmung ihrer Drehbücher, doch als Romane konnte Xiaolu Guo ihre Geschichten publizieren. Sechs ihrer Bücher erschienen bereits in China. Übersetzt und international ausgezeichnet wurde schon ihr Erstling: Stadt der Steine (Knaus Verlag). Seit 2007 schreibt sie auf Englisch. Ihr für den Orange Prize nominiertes „Kleines Wörterbuch für Liebende“ (2007) wurde ein Bestseller. Der Roman wurde vom Englischen in 23 weitere Sprachen übersetzt.
Xiaolu Guos Romane dienen ihr weiterhin oft als Vorlage für ihre Filme. Trotz der Querverbindungen funktionieren ihre Bücher und Filme aber unabhängig voneinander und sind nicht Vehikel des jeweils anderen. Immer wieder fällt das Wort „Kulturschock“ als angebliches Leitmotiv ihres Werks. Richtig ist, dass Xiaolu Guo sich mit ihrer chinesischen Heimat und mit der Wanderbewegung von Ost nach West beschäftigt. Doch die Regisseurin und Autorin glaubt nicht mehr an klar begrenzte kulturelle Identitäten. So will sie nicht das „exotische“ China zeigen, sondern ist auf der Suche nach „etwas Größerem, Wilderem“, nach der Überwindung kultureller Grenzen. Viele ihrer Stoffe zeugen dabei von ihrer eigenen Biografie.
So sind die Stationen der jungen Mei in Xiaolu Guos Spielfilmdebüt „She, A Chinese“ identisch mit dem Lebenslauf der Regisseurin. Meis abenteuerliche Reise führt sie vom ländlichen China zunächst in die Großstadt und später nach London. Nahezu wortlos, aber mit unbeirrbaren Überlebenswillen gerät Mei von einer aussichtslosen Lage in die nächste. Temporeich und direkt erzählt Guo eine moderne Geschichte sexueller und ökonomischer Ausbeutung. Mitreißend und kontrapunktisch zur verschlossenen Hauptfigur funktioniert dabei der rockige Soundtrack. Immer wieder bricht Guo das Erzählte ironisch, wie beispielsweise mit den comichaften Zwischentiteln. Dennoch verliert sie nie die Solidarität mit ihren gebeutelten Figuren. Der Filmtitel lehnt sich an Godards Film „Die Chinesin“ (1967) an – auch das eine sowohl ernsthafte Hommage an Godard und seine anti-narrative Erzählweise wie auch ironische Distanzierung von seiner damaligen Verklärung des Maoismus. Xiaolu Guos Film erhielt unter anderem beim Festival in Locarno 2009 den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden. Er lief in sieben europäischen Ländern im Kino und wurde weltweit auf über fünfzig Festivals gezeigt.
Parallel zu diesem Film entstand, beinahe zufällig, die Dokumentation „Once upon a Time a Proletarian“ (2009). Im grellen Licht der Scheinwerfer für den Spielfilm überkam Xiaolu Guo das Bedürfnis, die neugierigen und staunenden Bauern am Rand der Dreharbeiten zu filmen. Am Ende wurde daraus eine Art filmisches Archiv über das post-marxistische China. Am Anfang der zwölf Kapitel lesen Kinder eigenartige Geschichten vor oder schauen einfach in die Kamera. Ihr Blick verbindet die Geschichten der Bauern, die sowohl von ihren ewigen Mühen als auch von der neu erwachten Gier nach Besitz und von sozialer Gleichgültigkeit erzählen. Der Film feierte seine Premiere beim Filmfestival von Venedig, erhielt den Hauptpreis in Genf und wurde in Kinos weltweit gezeigt.
Auch in „We Went to Wonderland“ (2008) beschäftigt Xiaolu Guo sich mit einer Reise von Chinesen nach Europa. Diesmal sind es ihre eigenen Eltern, die zum ersten Mal nach London kommen. Ihr an Kehlkopfkrebs erkrankter Vater kommuniziert mit Hilfe von Notizen: „Die Blumen auf Karl Marx’ Grab sind schon lange tot.“ Fremd in und befremdet von Europa, so wandern die Eltern durch diese komische Welt. Der Film erhielt beim Cinesdelsur Filmfestival in Granada den Spezialpreis der Jury und wurde im Rahmen der „New Directors/New Films“-Ausstellung 2008 im MoMa in New York gezeigt.
„How Is Your Fish Today?“ (2004) kursiert unter der Genrebezeichnung Doku-Fiction. Doch der Film ist ein noch größerer Hybrid und schwer zu klassifizieren. Poetisch und essayistisch erzählt der Film die imaginäre Reise eines Pekinger Drehbuchautoren. Er folgt seiner Hauptfigur durch das ganze Land und begegnet ihr schließlich an einem mythischen Ort, den jeder Chinese aus dem Schulbuch kennt: Mo He, ein Dorf zwischen China und Russland, in dem das Polarlicht leuchtet. Beim Internationalen Frauenfilmfestival in Creteil erhielt „How Is Your Fish Today?“ den Hauptpreis. Der Film lief auch beim Sundance Festival und wurde bei den Festivals in Rotterdam, Pesaro und Fribourg ausgezeichnet.
Die Kehrseite des gesellschaftlichen Wandels in China zeigt Guo in dem Dokumentarfilm „Concrete Revolution“ (2004). Nicht nur der Pekinger Asphaltdschungel wächst darin, sondern auch die Verlorenheit der Menschen. Trotz massiver Restriktionen der chinesischen Behörden gelangen Guo außergewöhnliche Interviews. Beim Pariser Menschenrechtsfestival erhielt Guo für den Film den Hauptpreis sowie in Seoul den Preis der Jury.
Den Kurzfilm „Far and Near“ (2003) bezeichnet Guo als eine poetische Dokumentation. Sie verkörpert darin eine junge chinesische Autorin, die sich bei einer Wanderung durch die walisischen Berge an ihre Jugend in China erinnert. Das Londoner Institute of Contemporary Art verlieh “Far and Near” den Beck’s Future Prize.
Xiaolu Guos aktueller Film „Ein Ufo, dachte sie“ (2011) wurde von Fatih Akin produziert und basiert auf ihrem gleichnamigen Roman. Buch und Film zeichnen das satirische Porträt einer chinesischen Dorfgemeinschaft, die sich nach einer vermeintlichen Ufosichtung radikal verändert. Gleichnishaft erzählt der Film dabei nicht nur vom Wandel im ländlichen China, sondern in der ganzen Welt.

Text: Maike Wetzel

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2011 Ein Ufo , dachte sie (Spielfilm, 35 mm/HD, 110‘) 2009 She, a Chinese (Spielfilm, 35 mm, 99 ‘) 2009 Once upon a Time a Proletarian (Doku-Fiction, HD/Video, 75’) 2008 We Went to Wonderland (Dokumentarfilm, Video, schwarz-weiß, 74‘) 2004 The Concrete Revolution (Dokumentarfilm, DigiBeta, 62’) 2003 Far and Near (Doku-Fiction, DigiBeta, 22 ‘)

http://www.guoxiaolu.com/

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