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Die argentinische Literatur hat schon lange anhaltenden Weltruhm erreicht, allerdings verdanken wir deutschen Leser dem Gastauftritt Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2010 eine Fülle neuer Entdeckungen. Zu ihnen zählt Samanta Schweblin, die mit ihren ersten Veröffentlichungen – den zwei schmalen Prosabänden „El núcleo del disturbio“ (2002) und „Pájaros en la boca“ (2009) – auf Anhieb einen internationalen Durchbruch erzielte. Inzwischen wurden ihre preisgekrönten Erzählungen nicht nur ins Deutsche, Englische, Französische und Schwedische übersetzt, sondern auch ins Ungarische, Italienische und Niederländische, außerdem ist die Autorin in der Anthologie „The Best of Young Spanish-Language Novelists“ vertreten, die 2010 vom renommierten Granta-Magazin herausgegeben wurde.
1978 in Buenos Aires geboren und aufgewachsen, studierte Samanta Schweblin dort Filmwissenschaften. Dabei lernte sie unter anderem, wie man Drehbücher und Sitcoms verfasst, und gründete eine Agentur für Webdesign, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie hat früh angefangen: als kleines Kind diktierte sie ihrer Mutter die ersten Geschichten, die sie anschließend selbst illustrierte. Von ihrem Großvater, einem bildenden Künstler, lernte sie schon in jungen Jahren, dass man als solcher in der Lage sein sollte, ohne Geld auszukommen. Tatsächlich legt Samanta Schweblin so großen Wert auf ihre künstlerische Autonomie, dass sie ihren Lebensunterhalt mit anderen Mitteln bestreiten wollte – so kam es zur Agenturgründung. Ihren ersten Literaturpreis – „Fondo Nacional de las Artes“, den bedeutendsten des Landes – erhielt die damals noch blutjunge Autorin ausgerechnet im Dezember 2001, als die argentinische Wirtschaftskrise ihren verheerenden Höhepunkt erreichte. Während vom hochdotierten Preis nur der symbolische Wert blieb, kam es nach den finanziellen zu massiven politischen Verwerfungen. Doch trotz der Wirren und allgemeinen Unsicherheit, die Argentinien in dieser Zeit beherrschten, kam Samanta Schweblin, die bis dahin vor allem lose Beiträge in Zeitschriften veröffentlicht hatte, beim angesehenen Planeta-Verlag unter. Es grenzte an ein Wunder, wie sie in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel erzählte: „Da stand ich also, 22, eine total unbekannte Autorin, dazu noch eine Frau, in Argentinien ist die Literatur eher von Männern dominiert. Alles sprach gegen mich. Es waren furchtbare Tage, in Buenos Aires gab es gewalttätige Proteste, 25 Menschen starben.“
Gewalt und Unsicherheit prägen die argentinische Geschichte nicht erst seit der Militärdiktatur, die von 1976 bis 1983 währte, und das spiegelt sich bis heute auf vielfältige Weise in der Literatur wider. Doch anders als etliche andere jüngere argentinische Schriftsteller beschäftigt sich Samanta Schweblin nicht explizit mit den historischen Traumata. Umso stärker wirkt das Gefühl einer latenten Gefahr, das sich durch sämtliche ihrer bisher veröffentlichten Erzählungen zieht. Die Bedrohung, die in vielen Varianten auftaucht, wird nie explizit benannt, entwickelt aber eine spürbare Präsenz. In erster Linie sorgt sie für einen Sog und eine Spannung, auf die Schweblin großen Wert legt. Aus diesem Grund ist die Kurzgeschichte ihre bevorzugte Gattung, ihre Schreibweise so auffallend knapp und pointiert. In einem Gespräch mit der Zeitung Página/12, das Eberhard Falcke in seiner Zeit-Rezension der deutschen Erstausgabe von „Pájaros en la boca“ (unter dem Titel „Die Wahrheit über die Zukunft“ bei Suhrkamp veröffentlicht) zitiert, sagte Samanta Schweblin: „Kurzgeschichten bieten mehr Möglichkeiten, sich den Boden unter den Füßen wegzuziehen, und das ist es, was mich an der Literatur interessiert.“
„Die Wahrheit über die Zukunft“ bietet auf knapp 130 Seiten eine Menge Verstörendes und Abgründiges auf, doch ohne Spur von Effekthascherei. Die vierzehn Erzählungen kreisen um so universal-zeitlose Themen wie Familie, Scheidung, Einsamkeit, Aggression, Armut oder Krankheit, ohne ihre Zeitgenossenschaft zu verleugnen. Am Anfang und Ende des Bandes steht jeweils eine Geschichte, die vom Kinderwunsch handelt. Die erste, „In der Steppe“, führt buchstäblich in die Pampa, jenen mythischen, identitätsstiftenden Schauplatz der frühen argentinischen Literaturtradition, und verknüpft die archaisch anmutende nächtliche Jagd auf eine ungenannt bleibende Kreatur mit der Sehnsucht nach einem eigenen Baby. Eine Sehnsucht, die heutzutage in hochmodernen Labors gestillt werden kann, und genau vor diesem Hintergrund spielt die letzte Geschichte mit dem Titel „Konserven“, die den Prozess einfach umkehrt und so sparsam wie eindrucksvoll veranschaulicht, welche Richtung die Fortpflanzungsmedizin möglicherweise nehmen wird … Es wäre nicht das erste Mal, dass – im weitesten Sinn - fantastische Literatur künftige Entwicklungen vorwegnimmt. Samanta Schweblin möchte sich jedoch nicht in diese Schublade stecken lassen, wie sie dem Tagesspiegel anvertraute: „Die Realität besteht aus Kleinigkeiten, die eine Situation ins Unheimliche kippen lassen können. Je näher am Normalen das Fantastische ist, desto unheimlicher. Daher beginnen alle meine Geschichten auch in einer ganz gewöhnlichen Situation. (…) Die argentinische Literaturkritik sieht mich in der Tradition von Luis Borges oder Julio Cortázar. Das ist natürlich eine Ehre, ich bewundere ihre Werke. Aber ich glaube nicht, dass meine Geschichten zur fantastischen Literatur zählen. Denn sie könnten ja alle genau so geschehen!“
Umso nachhaltiger das Schaudern, das diese meisterlich präzisen und lakonischen Erzählungen beim gebannten Leser auslösen. Die Schriftstellerin und Übersetzerin Angelica Ammar hat durch ihre Übertragung dafür gesorgt, dass die dichte Atmosphäre, die poetische Sogkraft der Originaltexte im Deutschen erhalten bleibt.

Text: Patricia Klobusiczky

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Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung Die Wahrheit über die Zukunft. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
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