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1961 in Moskau geboren, verbrachte der russische Romancier Michail Schischkin seine ersten dreißig Lebensjahre in einem Umfeld, das von den „kommunistischen Lügen“ geprägt war. Wie viele seiner Landsleute entdeckte er früh die Literatur als viel wahrhaftigere Gegenwelt und fühlte sich erst seit Beginn der Perestroika als „stolzer Bürger [seines] Landes, verantwortlich für dessen Zukunft“. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik an der Pädagogischen Hochschule in Moskau arbeitete er als Journalist und Schullehrer – nicht zuletzt, um sich am großen Projekt gesellschaftlicher Erneuerung zu beteiligen, das seiner Ansicht nach bei den Kindern anfangen musste. 1995 übersiedelte er in die Schweiz, allerdings nicht der Politik, sondern der Liebe wegen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der junge Schriftsteller bereits eine Auszeichnung für das beste russische Debüt erhalten. Schischkins Sorge, ihm könnte in der beschaulichen Schweiz der Schreibstoff abhanden kommen (O-Ton: „Der russische Autor braucht die russische Spannung“), erwies sich rasch als unbegründet. Im Lauf seiner knapp zehnjährigen Tätigkeit als Übersetzer und Dolmetscher für das Migrationsamt des Kantons Zürich und andere Behörden erfuhr er von den sogenannten Gesuchstellern aus allen ehemaligen Sowjetrepubliken weitaus mehr über Krieg, Folter und Vertreibung als früher in seiner russischen Heimat.
Die abertausend echten Fallgeschichten haben ihn maßgeblich zu seinem dritten Roman „Venushaar“ inspiriert, dem ersten, der auf Deutsch vorliegt, gut fünf Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe. So lange haben die hiesigen Verlage gezögert, anders als etwa in Frankreich oder Italien. Dabei zählt Michail Schischkin, der ein sehr eloquentes Deutsch spricht und das Deutschenbild in der russischen Literatur erforscht hat, längst zu den angesehensten Autoren Russlands, wo er von Hunderttausenden gelesen wird und sämtliche große Literaturpreise errungen hat, wie beispielsweise den russischen Booker Prize für seinen zweiten Roman „Wsjatie Ismaila“ („Die Eroberung von Ismail“, 1999). Doch im deutschsprachigen Raum wagte man sich zunächst nicht an die komplexen erzählerischen Gebilde heran, die dem Leser einige Aufmerksamkeit abverlangen und ihn dafür reich belohnen – mit einem unerschöpflichen Geschichtenfundus, der Wirklichkeit abgelauscht und in die Welt der Poesie, der Mythen und Fantasie überführt. Schischkin behauptet, er sei kein Erfinder, alles, was er beschreibt, hat er demnach selbst erlebt, gelesen oder gehört: als Schriftsteller ist er nicht nur Schöpfer, sondern auch Sammler und Bewahrer. Das gilt für die grausamen Schicksale der Asylbewerber, die der Dolmetsch, Schischkins Alter Ego und zentrale Figur des Romans „Venushaar“, übersetzen muss, genauso wie für das fiktive, doch höchst realistische Tagebuch der Romanzensängerin Bella, deren Leben das ganze „verfluchte russische“ 20. Jahrhundert umspannt, von der Revolution 1905/1917 bis hin zum Zweiten Tschetschenienkrieg. Im Roman werden alle Opfer evoziert, egal, welcher Seite sie angehören. Das titelgebende Venushaar, eine Farnsorte, die im kalten Russland als Zimmerpflanze gehegt wird und ohne menschliche Wärme eingeht, während sie in Rom frei und ungehindert die alten Mauern überwuchert, entspricht den vielen verzweigten Strängen des Romans, der tief in Gegenwart und Vergangenheit wurzelt, in vorchristlicher Mythologie und biblischer Tradition, der Krieg und Kunst als Konstanten menschlicher Kultur zeichnet und das Wort im Gegensatz zum flüchtigen Leben als das Bleibende feiert. Wie die Evangelisten legt der Erzähler Zeugnis ab, ein vielstimmiges Zeugnis, das unser ganzes Dasein zu umfassen sucht, das materielle wie das spirituelle. Wie kunstvoll er dabei die Zeitebenen und Motive verschränkt, mit der Ambivalenz von Überlieferungen und Tatsachen spielt, lässt sich bereits am Beispiel des Menschenfischers, Kirchengründers und Himmelspförtners Petrus zeigen, der im Roman zunächst in Gestalt des Beamten Peter Fischer möglichst vielen Gesuchstellern den Zugang zur paradiesischen Schweiz verwehren soll; später führt seine Spur unter anderem nach Petersburg/Petrograd und zum Petersdom in Rom, der Ewigen Stadt, wo der Roman ganz programmatisch ausklingt.
Inzwischen liegt „Venushaar“ auch auf Deutsch vor, in der vorzüglichen Übersetzung von Andreas Tretner, der sämtliche Anspielungen entschlüsselt und selbst die verwegensten Palindrome hinübergerettet hat, genau wie die Bild- und Klangfülle des Originals. Das erklärt wohl, warum die Rezeption hierzulande, allen ursprünglichen Verlegerängsten zum Trotz, so überwältigend ausgefallen ist: Autor und Übersetzer wurden bald nach Erscheinen der deutschen Ausgabe mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet, der vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen wird. Die Jury würdigte Schischkin als „Sprachkünstler ersten Ranges“, der eine „einzigartige Romanform entwickelt“ hat, diese vereint „eine Chronik der Gewalt und eine Liebesgeschichte, ein Künstlertagebuch und ein Verhörprotokoll und bewegt sich zugleich in einem intertextuellen Gewebe, das diesen Roman – über seine herausragende Qualität hinaus – weltliterarisch verortet.“ Und in der Neuen Zürcher Zeitung erklärte Ulrich M. Schmid „Venushaar“ zu einem „der wichtigsten Romane der russischen Gegenwartsliteratur. Literarisches Stilempfinden, psychologischer Scharfblick und kompositorisches Gefühl bilden gemeinsam die Grundlage für einen meisterhaften Text, der das Romangenre neu definiert. Michail Schischkin verfügt über ein feines Gehör für die Selbsttäuschungen seiner Protagonisten (inklusive der Erzählerfigur) und verbindet ihre Geschichten zu einer raffinierten Konstruktion, bei der auch ein Vladimir Nabokov vor Neid erblassen könnte.“

Text: Patricia Klobusiczky


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Montreux-Missolunghi-Astapowo. Auf den Spuren von Byron und Tolstoj: eine literarische Wanderung vom Genfer See ins Berner Oberland. Aus dem Russischen von Franziska Stöcklin. Limmat Verlag, Zürich 2002. Die russische Schweiz. Ein literarisch-historischer Reiseführer. Aus dem Russischen von Franziska Stöcklin. Limmat Verlag, Zürich 2003. Venushaar. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. DVA, München 2011.
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