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Der Inder Raj Kamal Jha lernte früh die Gegensätze seiner Heimat kennen. 1966 in Bihar geboren, einem der ärmsten und rückständigsten Bundesstaaten des Landes, verbrachte Jha seine ersten achtzehn Lebensjahre in der Kulturmetropole Kalkutta und schloss am namhaften Indian Institute of Technology in Kharagpur eine Ingenieursausbildung ab, bevor er an die University of Southern California ging, um dort Journalismus zu studieren. In Kharagpur hatte er bald erkannt, dass Maschinenbau ihn weniger begeisterte als seine Kommilitonen und er lieber schreiben würde. Dabei ist Englisch, die Sprache, in der er seine Romane verfasst, laut Jha keineswegs „Teil seiner DNA“, seine Muttersprache ist Maithili, die tägliche Umgangssprache Hindi, und mit seiner Frau spricht er Bengali. Allerdings verdankt er – wie etliche andere indische Autoren seiner Generation – literarischen Ikonen wie Salman Rushdie oder Arundhati Roy die Einsicht, dass Englisch weit mehr ist als ein Schulfach. In Kalifornien schrieb der angehende Autor und Journalist Beiträge für die College-Literaturzeitschriften und vertiefte sich in die Werke von Philip Roth, Paul Auster und anderen großen Amerikanern. Nach Abschluss seines Zweitstudiums volontierte Jha bei der Los Angeles Times und der Washington Post, eine erstklassige Vorbereitung auf die publizistische Laufbahn, die er nach seiner Rückkehr einschlagen sollte. Zunächst als Mitarbeiter von The Statesman in Kalkutta und seit 1996 als Redakteur, später Chefredakteur des Indian Express in Neu-Delhi.
Bei Tage Journalist und Schriftsteller bei Nacht – Jha nutzte die Schlaflosigkeit, die ihn von Kindesbeinen an plagt, um seinen ersten Roman in Angriff zu nehmen, „Das blaue Tuch“. Bereits die ersten Kapitel weckten so viel Interesse bei Verlagen im In- und Ausland, dass der Autor vor Fertigstellung einen Vertrag und den höchsten Vorschuss erhielt, den ein indischer Debütant jemals erzielt hatte. Sein Erstling wurde in ein gutes Dutzend Sprachen übersetzt, darunter Französisch, Hebräisch, Türkisch und Griechisch – und aufgrund seines brisanten Inhalts im Ausland noch positiver aufgenommen als in Indien, wo nach wie vor ein höchst konservatives Familienbild herrscht und die Autorität der Väter als unantastbar gilt. Die Bekenntnisse eines namenlosen Erzählers, in einer einzigen heißen Nacht in Kalkutta niedergeschrieben, handeln von dunklen Geheimnissen, von Gewalt und Inzest, aber auch von Liebe und Selbstbehauptung. Nachdem seine Schwester bei der Niederkunft gestorben ist, hält er die Familiengeschichte für seine neugeborene Nichte fest, die im Nebenzimmer schläft und die er am nächsten Morgen ihren Adoptiveltern übergeben muss. Seine fragmentierten Erinnerungen kreisen nicht zuletzt um die Frage, wie stark familiäre Bande die Identität des Einzelnen prägen. Die Wucht des Tabubruchs wird durch eine so sparsame wie nuancenreiche Prosa aufgefangen. Hierzulande pries der Schriftsteller und Weltenbummler Ilija Trojanow insbesondere die Genauigkeit der literarischen Miniaturen, die im Roman enthalten sind, „die kleinen, fein gearbeiteten Schmuckstücke, die jedem indischen Juwelier zur Ehre gereichen würden.“
Raj Kamal Jha sieht sich selbst als Grenzgänger zwischen der Welt der Fakten – die seinen Alltag als Redakteur bestimmen – und der Welt der Fiktion – der er seine Nächte widmet: „Für mich existieren meine Romane Tür an Tür mit meiner Zeitung. Sie sind Nachbarn, zwischen ihnen herrscht ein reger Austausch.“ Und es stimmt, so poetisch und einfallsreich seine Romane sind, so welthaltig sind sie auch. Die indische Lebenswirklichkeit wird in ihrer ganzen Bandbreite geschildert, mit ihrer Mischung aus archaischen Traditionen und modernster Hochtechnologie. Und auch das zuweilen explosive Gemisch der Ethnien und Religionen rückt in den Blickpunkt des Romanciers, die politische Zerrissenheit, der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen. In seinem dritten Roman „Die durchs Feuer gehen“ behandelt er die blutigen Unruhen von Februar/März 2002 im Bundesstaat Gujarat. Jha war einige Monate später vor Ort in Ahmedabad und Gulbarga, wo er sich beinah wie ein „Terror-Tourist“ vorkam und überall auf Spuren der vergangenen Massaker stieß, unter anderem auf ausgebrannte Häuser und ein angekokeltes Schulbuch, das als Motiv in den Roman eingehen sollte: Learning to communicate. Diesmal lässt Jha neben seinem Erzähler Mr. Jay zwischendurch auch immer wieder die Toten zu Wort kommen, die den mutwillig gelegten Bränden zum Opfer gefallen sind. In jener Februarnacht, die unzähligen Menschen das Leben gekostet hat, wartet Mr. Jay auf die Geburt seines ersten Kindes. Es ist ein Sohn, der völlig verkrüppelt und verstümmelt zur Welt kommt, von Brandmalen übersät, nur die Augen sind „perfekt … als hätte ein talentierter, feinfühliger Künstler sie gezeichnet“. Während die Mutter im Krankenhaus bleibt, um sich zu erholen, bricht Mr. Jay mit dem missgebildeten Säugling, seinem Kind, das er zärtlich umhegt, zu einer wahren Irrfahrt auf, die ihn ins Herz des Infernos führen wird. Am Ende des Romans entpuppt sich das Baby als Allegorie verdrängter Schuld, Mr. Jay muss sich – stellvertretend für alle, die das Massaker einfach geschehen ließen – der Anklage der Toten stellen. Die „perfekten Augen“ des Kindes dienen dazu, die unbequeme Wahrheit zu erkennen.
Raj Kamal Jha ist ein mutiger Autor, er lässt sich als Journalist und als Schriftsteller von seinem Gerechtigkeitssinn leiten und verleiht den Stummen, den Unterdrückten eine Stimme. In seinen Romanen tut er das mit eindrucksvoller Bildkraft und stellt unter Beweis, wie stark Literatur wirken kann.

Text: Patricia Klobusiczky


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Das blaue Tuch. Roman. Deutsch von Annette Meyer-Prien. Goldmann Verlag, München 2000. Wenn du dich fürchtest vor dem Fall. Deutsch von Walter Ahlers. Goldmann Verlag, München 2005. Die durchs Feuer gehen. Deutsch von pociao und Eva Kemper. Goldmann Verlag, München 2006.
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