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Rawi Hage, 1964 in Beirut geboren, ist ein Kind des Krieges. Er weiß noch, wie seine Mutter ihn bei einem von unzähligen Bombenangriffen auf den christlichen Ostteil der Stadt unter den Tisch schob und lernte schnell, wie man sich zu verhalten hat, wenn Kugeln, Granaten und Minen allgegenwärtig sind, Wasser versiegt und der Tod den Alltag beherrscht. Mit 18 Jahren wanderte er in die USA aus und erwarb in New York nach Arabisch und Französisch seine dritte Sprache, die auch seine Schreibsprache werden sollte: Englisch, das Instrument globaler Verständigung und spätestens seit Conrad und Nabokov das stetig erneuerte Ausdrucksmittel vieler heimatloser Literaten. Dabei hatte Hage gar nicht vor, Schriftsteller zu werden. Nachdem er sich in New York acht Jahre lang als Verkäufer und Lagerarbeiter über Wasser gehalten hatte und nebenbei Dostojewski las, reiste er 1991, als sein Visum ablief, nach Kanada ein. In Montreal studierte er Fotografie, ein paar Jahre später konnte er seine Bilder bereits ausstellen. Zum Schreiben kam Hage zufällig – „I am an accidental writer“ –, als er als Auftragsfotograf durch ganz Kanada reiste, mit der Auflage, die Arbeit auch schriftlich zu dokumentieren. Da ihm das „Bürokratische“ nicht liegt, lieferte er statt sachlicher Berichte rein fiktive Kurzgeschichten ab, die großen Anklang fanden. Der Fotograf schrieb weitere Erzählungen, einige wurden in Literaturzeitschriften abgedruckt – und eine entwickelte sich nach und nach zum Roman: Rawi Hages international gefeiertes Debüt De Niro's Game (2006), das 2008 unter dem Titel Als ob es kein Morgen gäbe auf Deutsch erschien, vom Schriftsteller und Literaturwissenschaftlicher Gregor Hens mit viel Gespür für den rasanten Rhythmus und die überbordende Bildlichkeit des Originals übertragen.
Mit diesem Erstling schlug 2008 beim Dubliner IMPAC-Preis (der mit 100.000 Euro weltweit höchstdotierten literarischen Auszeichnung), ein Unbekannter, ein Flüchtling, der in einer Fremdsprache schreibt, so etablierte Konkurrenten aus dem Rennen wie Philip Roth, Thomas Pynchon – und die kanadische Großschriftstellerin Margaret Atwood. Das sorgte für Schlagzeilen und für eine Übersetzung des Romans in zwanzig Sprachen. Als ob es kein Morgen gäbe führt von der ersten Zeile an in das Beirut der 80er Jahre: „Zehntausend Bomben waren eingeschlagen, und ich wartete auf George.“ Die Geschichte zweier Freunde, Bassam und George, Spitzname „de Niro“, die, kaum erwachsen geworden, eher mit dem Tod als mit irgendeiner Form von Zukunft rechnen können. Bassam, der Ich-Erzähler, will vor dem Bombenhagel, den Strömen von Blut, das täglich auf den Straßen fließt, nach Rom fliehen, für ihn das gelobte Land, das in seinem Jugendzimmer auf einem Poster prangt. Dafür braucht er Geld, das er als Gelegenheitshafenarbeiter niemals verdienen kann, und lässt sich gemeinsam mit dem alten Freund auf krumme Touren ein. Als de Niro sich jedoch von der christlichen Miliz, die ihren Stadtteil kontrolliert, anheuern lässt, schlägt die Freundschaft allmählich in tödliche Feindschaft um. Als es Bassam endlich gelingt, mit einem ägyptischen Schiff nach Marseille zu fliehen, hat er alle ihm Nahestehenden verloren: seinen Vater, seine Mutter und seinen besten Freund. Er ist grausamer Folter zum Opfer gefallen und selbst zum Täter geworden. Das Einzige, was er im Gepäck hat, ist eine Waffe.
Für das Drama von Krieg und Verrat findet Hage eine einzigartige Sprache, die viele Einflüsse verbindet und doch ganz unerhört, auch stark visuell bestimmt ist. Religiöse Symbolik, arabische Poesie fließen in die Metaphorik ein, Meisterwerke des amerikanischen Kinos – wie Ciminos Vietnamfilm Die durch die Hölle gehen von 1978 – prägen Motive, Perspektive und Erzählstruktur, so dass ein zutiefst beeindruckter Alex Rühle in der SZ schrieb: „Hage montiert seinen (…) Roman in schnellen Szenen, fast als sei's ein Filmdrehbuch. Gleichzeitig ist sein Stil hochpoetisch und es immer wieder merkwürdig, wie er das hinkriegt, die harte Lakonie und das Lyrische, als würde Clint Eastwood durch seine zusammengebissenen Kiefer das alttestamentarische Hohelied zitieren.“ Auch wenn vieles, was Hage selbst erlebt oder gehört hat, im Roman verarbeitet wird, ist er nicht autobiografisch, der Autor spricht von einer „kollektiven Biografie, der Geschichte einer Gemeinschaft, in der man sich untereinander bekriegt“. Tatsächlich handelt er von mehr als einem Krieg, der Erzähler vergisst niemals die Geschichte des Landes, seiner aus allen Himmels- und Glaubensrichtungen stammenden Bewohner, die einst vor anderen, schaurig ähnlichen Kriegen flohen: „Vom Passfoto lächelte ich einen armenischen Fotografen an, schaute ins Objektiv seiner geliebten Mittelformatkamera, die sein Vater aus Russland und durch die syrische Wüste getragen hatte, damals, als die Jungtürken seine Verwandten vor ihren Haustüren niedermetzelten, auf Hochkreuze schossen, alle Ziegen töteten und Loblieder auf die Moderne sangen.“
Diese Empathie findet sich auch in Hages zweitem Roman Cockroach (Kakerlake), der im Exilantenmilieu von Montreal spielt und sehr eindringlich vor Augen führt, dass man dem Krieg vielleicht physisch entkommt, aber niemals mit unversehrter Seele. Während im Beirut des ersten Romans eine unerträgliche Hitze herrschte, ist es in Montreal unfassbar kalt und dunkel. Während Bassams Blick immer wieder zum Himmel ging, klebt der Blick des namenlosen Erzählers am Boden, dringt in den Untergrund und erkundet die Kanalisation – es ist der Blick der titelgebenden Kakerlake, Ungeziefer wie die mittellosen Flüchtlinge am Rand der kanadischen Wohlstandsgesellschaft, aber auch Vertreterin der einzigen Spezies, die den Weltuntergang überleben wird, will man den Zeugen Jehovas glauben, die zu Romanbeginn einen kurzen, aber nachhaltigen Auftritt haben. Die Perspektive, die der Autor hier wählt, ist gewagt, sein Erzähler – ein gescheiterter Selbstmörder, der zur Therapie gezwungen und von einer bornierten Psychologin befragt wird – alles andere als ein Sympathieträger, aber das Einfühlungsvermögen und die Sprachmacht, die in diesem Roman wieder zum Tragen kommen, beweisen, dass die IMPAC-Jury 2008 die richtige Wahl getroffen hat: Rawi Hage schreibt in jeder Hinsicht Weltliteratur.




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Als ob es kein Morgen gäbe. Roman. Aus dem Englischen von Gregor Hens. DuMont Buchverlag, Köln 2008 Kakerlake. Roman. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Piper Verlag, München 2010
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