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Bevor er anfing, Romanwelten zu entwerfen, erkundete Bernardo Carvalho die Welt mit dem forschenden Blick des Journalisten. 1960 in Rio de Janeiro geboren, lebte er in den frühen 90er Jahren als Auslandskorrespondent der großen Tageszeitung „Folha de São Paulo“ in Paris und New York. Als dieser Posten infolge der brasilianischen Wirtschaftskrise gestrichen wurde, beschloss er spontan, noch ein paar Monate in New York zu bleiben und die geschenkte Zeit für erste literarische Gehversuche zu nutzen, die ihn sehr bald ans Ziel führen sollten.
1993 erschien sein Debüt „Aberração“, ein Erzählband, der auf Anhieb für den wichtigsten Literaturpreis des Landes nominiert wurde. Dort tauchen bereits die Leitmotive auf, die sich in vielen Varianten durch die neun folgenden Bücher, allesamt Romane, ziehen: Geheimnisse, die es zu enthüllen gilt, Vergangenes, das die Gegenwart durchdringt, Dichtung und Wahrheit, die unentwirrbar verstrickt sind, das Spiel mit verschiedenen Perspektiven und Identitäten. Wer einen Roman von Bernardo Carvalho liest, wird unweigerlich zum Detektiv und damit zur handelnden Figur. Auch der Verfasser ist dem Text gewissermaßen als Figur eingeschrieben, seine Ich-Erzähler sind oft verhinderte Autoren, die durch eine Verkettung außergewöhnlicher Umstände doch noch zu Schriftstellern werden, beziehungsweise zu Chronisten oder Protokollanten der Geschichten, die sie über Dritte in Erfahrung bringen. Das Abgründige, Labyrinthische, Verschachtelte seiner Bücher hat Carvalho schon früh den Vergleich mit Borges eingetragen, ein Vergleich, den er bescheiden abwehrt.
Anders als in Frankreich, wo Carvalhos Werk von Anfang an übersetzt wurde, mussten deutsche Leser bis 2006 warten, als ihm sein fünfter Roman „Nove Noites“ („Neun Nächte“) zum internationalen Durchbruch verhalf. Die Fiktion beruht auf einer wahren Geschichte, dem Schicksal des jungen amerikanischen Anthropologen Buell Quain, der sich während eines Forschungsaufenthalts bei den vom Aussterben bedrohten Krahô-Indianern im brasilianischen Urwald 1939 aus unerfindlichen Gründen und auf grausamste Weise das Leben nahm. Rund 60 Jahre später begibt sich ein brasilianischer Journalist, Bernardo Carvalho zum Verwechseln ähnlich, auf die Spuren des Selbstmörders und reist an den Fluss Xingu, um Quains letzten Tage und Nächte zu rekonstruieren. Während die Spurensuche immer neue Fragen aufwirft, erfährt der Suchende auf seiner ganz persönlichen Reise ins Herz der Finsternis, die auch Schauplatz seiner Kindheit war, einiges über sich selbst. Diese packende Mischung aus dokumentarischem Reisebericht, kleiner Geschichte der Anthropologie und abenteuerlichem Bildungsroman wurde mit zwei der renommiertesten Preise für portugiesischsprachige Literatur ausgezeichnet.
„Mongólia“, der folgende Roman, führt einen brasilianischen Diplomaten gegen seinen Willen von Schanghai über Peking in die Mongolei. Dort soll er, den die Einheimischen den „Westler“ nennen, in geheimer Mission einen jungen brasilianischen Fotografen ausfindig machen, der spurlos verschwunden ist. Erst ganz zum Schluss wird enthüllt, was den Suchenden mit dem Gesuchten verbindet. Da ist der Diplomat schon tot, Opfer eines Gewaltverbrechens, wie sie in Rio de Janeiro zum Alltag gehören, und es ist sein ehemaliger Vorgesetzter, mittlerweile im Ruhestand, der die Geschichte anhand der Tagebuchaufzeichnungen des Westlers und des Fotografen rekonstruiert. Die zunächst von Unverständnis und Misstrauen bestimmte Begegnung mit einer vollkommen fremden Kultur wird auf so plastische wie lehrreiche Weise geschildert, die Naturwunder genauso wie die dunkle Seite des tibetisch-mongolischen Buddhismus oder die Gräuel der kommunistischen Herrschaft. Die Suche gestaltet sich vor allem deshalb schwierig, weil in den mongolischen Weiten Spuren besonders schnell verwischen: „Ich frage nach dem Kloster. Sie haben keine Ahnung. … Keiner weiß etwas über irgendeinen Ort. Sie haben gelernt, sich aus allem rauszuhalten. Die Vergangenheit besteht, sofern sie nicht ganz verlorengegangen ist, nun nur noch aus Sagen und nebulösen Vermutungen. … Nun heißt sich erinnern imaginieren.“
Das physische Erleben der Fremde ist für Carvalho selbst wesentlicher Bestandteil des Schreibprozesses. In einem Interview mit der Kunstzeitschrift „Bomb“ sagte er 2008: „Die Reisen, die ich vor der Niederschrift meiner letzten Romane unternommen habe, sollten Erfahrungen auslösen. Ich setze mich ganz bewusst erfahrungsträchtigen Situationen aus … Von da an kann ich nicht mehr bestimmen, was mit mir geschehen wird. Die Wirklichkeit entgleitet mir. Aber das Verrückte ist, dass alles Mögliche passiert, das sich zum Roman fügt, als würde sich die Wirklichkeit mit mir verschwören. So wurde ich zum Beispiel an meinem dritten Tag in St. Petersburg – der Traumstadt eines jeden Touristen – Opfer eines versuchten Raubüberfalls. Das prägte sehr stark meinen Blick auf die Stadt, die mir auf einmal als Albtraum erschien, und dieses Bild passte viel besser zur Geschichte und den Figuren, die mir vor meiner Anreise vorschwebten.“
„O Filho da Mãe“, der Roman, dessen Entstehung sich diesem Aufenthalt verdankt, wird gerade von Carvalhos Stammübersetzerin Karin von Schweder-Schreiner ins Deutsche übertragen. Nachdem der Autor uns – unter anderem – an den Amazonas, nach China, in die Mongolei und nach Japan entführt hat, werden wir eine neue Perspektive auf den Kampf russischer Soldatenmütter und das Los tschetschenischer Flüchtlinge gewinnen. In Bernardo Carvalhos fiktivem Universum ist Raum für die ganze Welt – in mehr als einer Erscheinungsform.







Print
Neun Nächte. Roman. Aus dem Brasilianischen von Karin von Schweder-Schreiner. Luchterhand Literaturverlag, München 2006 Mongólia. Roman. Aus dem Brasilianischen von Karin von Schweder-Schreiner. Luchterhand Literaturverlag, München 2007 In São Paulo geht die Sonne unter. Roman. Aus dem Brasilianischen von Karin von Schweder-Schreiner. Luchterhand Literaturverlag, München 2009
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