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Der israelische Autor Assaf Gavron verblüfft zunächst durch seine Vielseitigkeit. Er hat in London und Vancouver studiert, Gastrokritiken verfasst, gemeinsam mit Amerikanern und Palästinensern das Computerspiel Peacemaker entwickelt, er spielt in der Indiepunk-Band Hape Ve Hatlafajim (zu Deutsch etwa „Maul und Klauen“) und in der israelischen Schriftsteller-Fußballmannschaft. Außerdem übersetzte er amerikanische Klassiker wie J. D. Salinger oder Philip Roth und neue Stimmen wie Jonathan Safran Foer ins Hebräische. 1968 geboren, wuchs Assaf Gavron bei Jerusalem in einem säkularen Umfeld auf, englisch geprägt, da seine Eltern vor seiner Geburt aus Großbritannien eingewandert waren. Die Herkunft seiner Eltern hat ihn für die Tatsache sensibilisiert, dass viele Juden, die als Überlebende der Schoah oder aus arabischen Ländern in den 50er und 60er Jahren nach Israel kamen, keine andere Wahl hatten. Wer hingegen aus England oder aus den USA einwanderte, hatte sich aus freien Stücken für diesen „verrückten und primitiven Ort“ entschieden. Gavron thematisiert die von utopischer Hoffnung getragene Wahl und konfrontiert sie mit der Realität, wenn er einen seiner Erzähler sagen lässt, dass diese Menschen ihre materiellen und spirituellen Ressourcen einsetzten, um „etwas aus dem Nichts aufzubauen: eine Familie. Ein Geschäft. Einen Staat. Sie nannten das Zionismus.“ Der Autor bezeichnet sich selbst als „normaler Israeli“. In seinen Romanen und journalistischen Arbeiten zeigen sich ein waches politisches Bewusstsein, ein ungewöhnlich differenzierter Blick auf die vielen verschiedenen Positionen, die in seinem Land bezogen werden können – und, bei aller Kritik des Terrors, eine große Empathie mit den Palästinensern.
Obwohl Schreiben in der Familie liegt, da sein Vater als Journalist tätig ist, und Assaf Gavron bereits als Kind Geschichten zu Papier brachte, hatte der Computerexperte zunächst nicht vorgehabt, daraus einen Beruf zu machen. Mit Mitte zwanzig schrieb er die ersten Zeitungstexte, mit knapp dreißig veröffentlichte er seinen Debütroman („Eis“, 1997), aus dem ein Kapitel mit dem Science-Fiction-Preis der einflussreichen Tageszeitung Yediot Achronot bedacht wurde. Auf einen Erzählband („Sex auf dem Friedhof“, 2000) folgte der nächste Roman Moving („Umziehen“, 2003), in dem Gavron Farce- und Thrillerelemente kombiniert, um von den haarsträubenden Erlebnissen drei junger Israelis in den USA zu erzählen. So aberwitzig die Handlung anmutet, so gründlich sind die Hintergründe recherchiert, denn der Autor hat selbst bei einer Umzugsfirma in New York gejobbt. Im Roman heißt es zu Beginn: „Die drei traumatischsten Dinge im Leben sind der Verlust eines geliebten Menschen, Scheidung und Umziehen... das ist erwiesen.“ So kommt Möbelpackern einiges an Bedeutung zu, sie werden zum Symbol für Veränderung. Izzy, Jonesy und Shlomi, die drei (Anti-)Helden haben allerdings nur eines im Sinn: sie wollen schnell reich werden. Als sie im Auftrag eines russisch-jüdischen Mafiabosses manipulierte Spielautomaten transportieren sollen, beschließen die drei, sie einfach zu behalten. Daraus folgt eine Verfolgungshatz quer durch die Staaten, FBI und russische Killer inklusive, mit kleinen Anleihen bei Tarantino und den Cohen-Brüdern, deren Film Fargo hier augenzwinkernd zitiert wird. Im Grunde geht es aber, wie Batya Gur in einer Rezension feststellt, nicht allein um die Krimihandlung, „sondern – dank Gavrons Talent... - auch um Themen wie dem zionistischen und dem amerikanischen Traum, um die komplizierte Bindung junger Israelis ... an ihre Heimat und an die Zukunft, die sie dort erwartet.“ Diesem Thema bleibt Assaf Gavron in seinen nächsten Romanen treu, auch wenn er dafür ganz unterschiedliche Perspektiven wählt. Die Idee für seinen dritten Roman Tanin pigua („Ein schönes Attentat“, OA 2006) kam ihm zur Zeit der Zweiten Intifada: „2002 war eine schwierige Zeit in Israel. Jeder war paranoid. Irgendwann saß ich im Bus, schaute mich um, und ich begann diese seltsamen Gedanken zu haben, die zum ersten Kapitel meines Romans wurden. Die Busfahrt des Eitan, der als Einziger einen Terroranschlag überlebt.“ Eitan Einoch, genannt das Krokodil, ein junger, erfolgreicher IT-Spezialist in Tel Aviv, überlebt nicht nur einen, sondern drei Terroranschläge, was ihn unfreiwillig zum Nationalhelden und Medienliebling avancieren lässt – und zur Zielscheibe Nummer eins für eine Gruppe radikaler palästinensischer Aktivisten. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht des designierten Opfers Eitan und des Attentäters Fahmi Sabih, der nach seinem Selbstmordanschlag im Koma liegt und in einem israelischen Krankenhaus gepflegt wird. Dadurch gewinnt der tragi-komische Roman, der keine Seite schont und gerade deswegen beiden gerecht wird, emotionale Tiefe und zugleich eine historische Dimension. Anhand der Familiengeschichten von Eitan und Fahmi werden die Anfänge des Nahostkonflikts sehr eindrücklich geschildert. Bewegend ist die Begegnung der beiden jungen Männer vor dem „ultimativen Attentat“, aus der deutlich wird, dass sie unter anderen Voraussetzungen auch Freunde hätten werden können. Mit diesem Roman hat Assaf Gavron als jüdischer Israeli ein Tabu gebrochen, wie Karola Kallweit in einem Porträt des Autors in der Jüdischen Zeitung bemerkt: „Gavron geht tatsächlich sehr viel weiter als seine schreibenden Kollegen in Israel.“ Mut und Mitgefühl – zwei Eigenschaften, die einen potentiellen Peacemaker ausmachen.


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Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Ein schönes Attentat. Roman. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Luchterhand Literaturverlag, München 2008 Hydromania. Roman. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Luchterhand Literaturverlag, München 2009

http://assafgavron.com/

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