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Als „ukrainischer Rimbaud“ ist Serhij Zhadan mit Mitte dreißig bereits einer der berühmtesten Autoren seines Landes, weit über die Grenzen hinaus. 1974 in Starobilsk in der Ostukraine geboren, einem notorischen Industriegebiet, und in Charkiw aufgewachsen, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, fing er früh an, Gedichte zu schreiben – und auch selbst zu publizieren: „Das erste Buch, das ich mit Freunden herausgab, trug den Titel Samisdat. Wir druckten es auf einer alten Druckmaschine, die gerade einmal 100 Seiten in der Woche schaffte. Wir schliefen neben diesem Ungeheuer, weil wir jedes Blatt Papier einzeln einlegen mussten.“ Trotz jüngst errungener Unabhängigkeit und Einzug des Kapitalismus sind die Folgen sozialistischer Mangelwirtschaft zu Beginn der 90er Jahre in der ukrainischen Lebenswirklichkeit genauso präsent wie im literarischen Kosmos von Serhij Zhadan. Das mag mit ein Grund sein, warum der junge Dichter in seiner Heimat ganze Hallen zu füllen vermag, wenn er seine dunkle, oft komische, immer berührende Lyrik vorträgt, als handle es sich um ein Pop- oder Punkkonzert. Die Nähe zur Musik ist unüberhörbar, in Gedichten wie „Polnischer Rock“ findet sie unmittelbaren Ausdruck: „Ich denke, wenn es eine direkte Verbindung zu Gott gäbe,/ ginge sie über jene warmen, braunen Hüllen/ polnischer Rockplatten/ mit den leichten Kratzern von Gottes Fingernägeln/ auf der schwarzen Fläche...“ Diese Nähe manifestiert sich aber auch in den Titeln und Inhalten seiner Romane Depeche Mode und Anarchy in the UKR sowie bei seinen Prosalesungen, die fast Performance-Charakter haben: „Plötzlich schwirren Stimmen durch den Raum, viele Stimmen. Sie erzählen von Geschäften, Drogen, von Sex, von Geld, von Gewalt, auch von der Lust am Leben... Schneller und schneller wird die Stimme von Serhij Zhadan... Er hält das Buch im Schein des rot-blauen Bühnenlichts wie ein Manifest, das es zu verlesen gilt. Er stampft die Sätze, gibt ihnen Druck wie ein Heizer auf einem Dampfschiff oder wie der Sänger einer Punk-Band“, beschreibt der Literaturkritiker Ingo Petz die Premiere von Zhadans neuestem Buch Hymne der demokratischen Jugend im Berliner Kaffee Burger. Kein Wunder, dass der Autor auch schon in Bands gesungen hat und bis heute Songtexte schreibt, für sich und für andere Bands. Seine eigene heißt Sobaki v Kosmosi („Hunde im Weltall“), 2008 ist die erste CD erschienen. Dabei könnte Serhij Zhadan heute genauso gut an der Universität lehren, er hat in Charkiw Germanistik studiert und über den ukrainischen Futurismus promoviert. Sein Bezug zur deutschsprachigen Literatur ist eng, er ist mit Rilke und Celan aufgewachsen: „Deutschland und Österreich sind für mich vor allem deshalb wichtig, weil die Bücher meiner Kindheit von dort stammten.“ Der ausgebildete Literaturwissenschaftler hat sich jedoch nach vier Jahren als Dozent gegen eine akademische Karriere entschieden und arbeitet als freier Schriftsteller und Übersetzer in Charkiw, wenn er nicht gerade wieder unterwegs ist – oder in seiner Heimatstadt ein Festival organisiert, das Künstler aus allen Orten und Sparten zusammenbringt.
Sein Werk – bisher acht Lyrik- und vier Prosabände – kann als nicht-lineare Chronik einer Generation gelesen werden, für die das Erwachsenenleben gerade begann, als die Sowjetunion ihren Zusammenbruch erlitt und die Zukunft ins Ungewisse umschlug. Als Serhij Zhadan mit siebzehn zu schreiben anfing, waren seine Gedichte noch von der experimentellen Lyrik Chlebnikows beeinflusst, heute ist er beim Erzählgedicht angekommen, das auch den Übergang zu seiner Prosa markiert. Ungeachtet der Gattung bleibt er stets ein Poet, der eine tiefe Liebe zur Sprache hegt, mit der er mal derb, mal zärtlich umgeht. In der „Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts“ aus dem gleichnamigen Band heißt es: „Du schreibst noch heute zurück, berührst die warmen/ Lettern,/ suchst sie im Dunkeln aus, verwechselst Vokale/ und Konsonanten/ wie die Druckerin in einer alten Warschauer Werkstatt./ Die schweren Schriftwaben schimmern/ im Gold, aus dem die Sprache gewirkt ist./ Schreib, nur komm nicht ins Stocken,/ bedruck die weißen Wüsten, setz die stumme/ schwarze Spur.“ Die schwarze Spur setzt sich in Zhadans Romanen fort, in denen der Erzähler und seine Mitstreiter unterwegs sind, ohne jemals anzukommen. Vordergründig führen ihre Reisen ins Umland von Charkiw, auf der Suche nach einem verschollenen Freund (Depeche Mode) oder in die Industriebrachen des Donbass im Südosten des Landes, auf der Suche nach Machnos anarchistischem Erbe (Anarchy in the UKR). Zugleich sind es Reisen in die eigene Vergangenheit und ins Unterbewusstsein, Drogen und Alkohol spielen oft die Reisebegleiter, wobei die Wahrnehmung stets von berückender Schärfe bleibt. In seiner Prosa nutzt Zhadan die Montageform früherer Avantgarden, um Dialoge, Wirklichkeitssplitter, Songtexte und Bewusstseinsstrom zu verbinden und erzeugt dabei einen ganz natürlichen Sog. Das ist bemerkenswert und hat vielleicht damit zu tun, dass diese Erzählweise den aktuellen brüchigen Verhältnissen in der Ukraine besonders gerecht wird. Verhältnisse, die uns nicht nur dank Autoren wie Serhij Zadhan weniger fremd geworden sind – schließlich wird auch im Westen die Zukunft immer ungewisser.



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Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006 Depeche Mode. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007 Anarchy in the UKR. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007 Hymne der demokratischen Jugend. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009 Die Selbstmordrate bei Clowns. Erzählungen. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Mit Fotografien von Jacek Dziaczkowski. Edition Fototapeta, Berlin 2009
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