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Der Kritiker Lutz Bunk bezeichnete die Karibik einmal als „literarische Schatztruhe“ und führte zum Beweis die beiden Nobelpreisträger Derek Walcott und V.S. Naipaul an, bevor er eine weitere Entdeckung nannte: den Schriftsteller Louis-Philippe Dalembert aus Haiti, der – anders als seine bereits weltberühmten Kollegen – nicht auf Englisch schreibt, sondern auf Französisch. Meistens jedenfalls, denn er beherrscht noch fünf weitere Sprachen, darunter Kreolisch, Spanisch und Italienisch. Dalembert wurde 1962 in Port-au-Prince geboren, nach seinem Lebensweg befragt, erwähnt er drei Dinge, die ihn geprägt haben: dass er unter Frauen aufwuchs, in einer Diktatur groß wurde und der ärmsten Linie seiner Familie angehörte. Armut trifft in Haiti die Mehrheit der Bevölkerung: „Seit befreite Sklaven 1804 die Inselrepublik gründeten und auf ihren alten indianischen Namen tauften, ist Haiti ein gescheiterter Staat, der nur noch durch Boat-People und Aids, Hungerrevolten und Hurrikane Schlagzeilen macht und faktisch unter UN-Vormundschaft steht. Die Kehrseite der materiellen Armut ist der Reichtum der vom Voodookult inspirierten Kunst, Musik und Literatur, die Port-au-Prince neben Havanna zur Kulturmetropole der Karibik werden ließ“, schreibt der deutsche Schriftsteller Hans Christoph Buch. In dieser eigentümlich zerrissenen Welt, die in seinem Fall stärker von der Bibel bestimmt wurde als von Voodoo, zeigte sich früh das erzählerische Talent von Louis-Philippe Dalembert. Er wohnte mit seiner Familie in der Nähe eines Freiluftkinos, und sie konnten von ihrem Haus aus die Vorstellungen sehen, ohne den Ton zu hören. Also dachte sich der Junge die Dialoge kurzerhand selbst aus. Später studierte er an der Pariser Sorbonne Literatur und Komparatistik, verfasste 1988 seine Magisterarbeit über „Voodoo-Darstellung im Werk von René Depestre“, befasste sich mit dem Magischen Realismus, schloss ein Journalistikstudium an und promovierte 1996 über „Die Darstellung des Anderen: Schwarze im Werk von Alejandro Carpentier“. Neben seiner journalistischen Arbeit unterrichtete er an weiterführenden Schulen und war eine Zeit lang für das Kulturministerium in Haiti tätig. Heute sind Paris, Rom und Port-au-Prince die drei Konstanten im Leben des Schriftstellers, der das „Vagabundieren“ über alles schätzt und Nord- und Südamerika, Europa, den Nahen Osten und Afrika bereist hat.
Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte Dalembert schon 1982, den ersten Erzählband 1993. Darauf folgte der Debütroman Le crayon du bon Dieu n'a pas de gomme („Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi“, OA 1996), der die Rückkehr seines Helden aus dem Exil und dessen Suche nach der verlorenen Kindheit schildert. Das Land, in dem er aufgewachsen ist, hat einen grausamen Niedergang erlebt: „Sie hatten die letzte Kurve ihres Menschenweges genommen. Sie mussten das Licht nicht löschen, denn es gab keins. Vielleicht hatte es in ihrem Leben niemals eins gegeben. Sie mussten auch die Tür nicht schließen, es gab nichts zu stehlen in diesen Baracken, die über keine Tür verfügten. Sie waren einer nach dem anderen gegangen. Ohne eine Adresse oder eine Nachricht zu hinterlassen ...“ Der Roman trägt durchaus autobiographische Züge, Dalembert hat das Exil und die Unmöglichkeit der Rückkehr selbst erfahren, wie er in einem Interview bekennt: „Ich habe 1996 versucht, zurückkehren, aber aus Gründen, die zu erklären hier zu weit führen würde, bin ich wieder gegangen. Diese zweite Trennung war schmerzlicher als die erste. Damals habe ich gefühlt, dass ich mich richtig von meinem Heimatland entfernte ... Ich brauchte drei lange Monate, um mich mit dem Gedanken einigermaßen abzufinden. Drei Monate, die ich genutzt habe, um durch Südamerika zu streifen. Das Vagabundieren hat mir geholfen, wieder Sauerstoff in den Kopf zu bekommen, ihn von der Vorstellung freizumachen, dass der Schriftsteller direkt in die Politik eingreifen muss, aber der politisch Engagierte, der ich war, bleibt immerhin ein aufmerksamer Beobachter.“ Ein Beobachter, der seither vier weitere Romane veröffentlicht hat, Erzählungen und Gedichte, die mit zahlreichen Preisen bedacht wurden. In Louis-Philippe Dalemberts Werk spiegeln sich nicht nur die Geschichte Haitis, sondern auch die Erfahrungen, die er bei seinen Aufenthalten in Tunis, Jerusalem, Rom, Brasilien, Peru, Bolivien gesammelt hat, seine einzigartige Sichtweise auf die Welt, die ihn überraschende Verbindungen aufdecken lässt. So sagt er über seinen Roman L'île du bout des rêves („Die Insel am Ende der Träume“, OA 2003), in dem er das Genre der Abenteuer- und Piratengeschichte neu interpretiert: „... es ist kein Zufall, dass die Geschichte in Neapel beginnt, in Kuba, der Dominikanischen Republik und auf Tortuga spielt und dann wieder in Neapel endet. Ich wollte eine Verbindung zwischen dem Mittelmeer und der Karibik herstellen, zwei Orten der Begegnung par excellence, Begegnung von Kulturen, Zivilisationen, Völkern, Sprachen, ethnischen Gruppen ...“ Louis-Philippe Dalembert, einer der bedeutendsten haitianischen Autoren der Gegenwart, ist in seiner Heimat auch einer der populärsten. Die Werke dieses Weltenbummlers können überall gelesen und verstanden werden, weil sie durch ihre poetische Sprache verführen, den Schmerz von Generationen fühlbar machen und zugleich die Kraft der Phantasie feiern.






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Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Die Insel am Ende der Träume. Roman. Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, Kehl 2007 Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi. Roman. Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, Kehl 2008 Jenseits der See. Roman. Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, Kehl 2008
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