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„Ich hatte ein schönes Leben. Jetzt habe ich ein normales Leben.“ Nora Iuga, Grande Dame der rumänischen Poesie, preisgekrönte Übersetzerin für deutsche Literatur, Vorbild und Mentorin junger Autoren, nennt nicht ein, sondern drei Leben ihr eigen. Alle drei verdienen das Attribut „schön“, vielen historisch bedingten Widrigkeiten zum Trotz: „In Noras Wohnung war alles anders ...Von einem Augenblick auf den anderen vergaßen wir die unglückseligen Zustände draußen, die Diktatur, Hunger und Kälte, die ewige Bedrohung durch die ´Securitate` ... Alle lebten wir in der Poesie, in einer Atmosphäre der inneren Freiheit, die man heute, da wir tatsächlich frei sind, nirgends mehr antrifft“, schreibt der Autor Mircea ?artares?u 2007 in seinem Nachwort zu „Gefährliche Launen“, Nora Iugas Auswahlband in deutscher Sprache.

1931 in Bukarest geboren, studierte Nora Iuga Germanistik und unterrichtete danach Deutsch in Sibiu (Hermannstadt). Sie arbeitete auch als Journalistin, Lektorin und Redakteurin. Ihr erster Gedichtband „Vina nu e a mea“ (Es ist nicht meine Schuld) erschien 1968. „Die Witwen tanzen um den Brunnen/ die Witwen der auf dem elektrischen Stuhl/ eingeschlafenen Pferde“: Bereits in diesen frühen Zeilen zeigt sich die Verbindung von skurrilem Witz und verstörender Abgründigkeit, die ein konstantes Merkmal ihrer – äußerst wandlungsfähigen - Lyrik ist. Tatsächlich sind ihre Gedichte so vielseitig, dass sie sich nicht kategorisieren lassen, auch wenn im Zusammenhang mit Nora Iuga immer wieder die Schlagworte Surrealismus, Oneirismus oder Balkanismus fallen. Diese geben aber bloß eine grobe Orientierung, zumal nur für einen Teil ihres Werks. ?artares?u merkt hierzu an: „Jedes (ihrer) Gedicht(e) ist eine rätselhafte Statue auf einem leeren Platz.“ Auf ihr Debüt folgten bisher elf Poesiebände und vier Prosawerke, die Nora Iuga als eine der bedeutendsten und originellsten rumänischen Dichterinnen ausweisen. Und das, obwohl sie 1970 nach Erscheinen ihres zweiten Gedichtbands „Captivitatea cercului“ (Gefangen im Kreis) acht Jahre lang nicht publizieren durfte. Verse wie „Was aber fangen wir mit den Regenschirmen an/ wenn jeder Gruß uns die Schulter beschmutzt/ und es auch abends kein Wasser gibt/ und die Brillenträger ihre Katzen schlagen/ bis der Wecker klingelt“ trugen ihr den Vorwurf des morbiden Erotismus ein. Seit den achtziger Jahren hat sich das grundlegend geändert, Nora Iuga veröffentlicht jedes Jahr ein Buch, genießt allgemeine Anerkennung – und ihr Bekenntnis zur platonischen „Zweiten Erotik“, die sie mit siebzig als Motor lyrischen Schaffens entdeckte, wird gern zitiert. Unter diesem Motto wurde auch ihr langes Prosagedicht „Feti?a cu o mie de riduri“ (Das Mädchen mit den tausend Falten, 2005) in Bukarest vorgestellt. Dass in Nora Iugas Kosmos Lust allerdings nicht vom Schmerz, Liebe nicht vom Schreiben zu trennen ist, wird gleich zu Anfang dieses Bands deutlich: „Bevor ich zu schreiben begann, fühlten sich meine Eingeweide wie Knebel an, eilige und brutale Hände zerrten daran, ich weiß nicht einmal mehr, wie der Schmerz entstand und was er wollte. Du verstehst ohnehin nicht, dass der Schmerz eher das Verlangen aufruft, dass dieses Schreiben, flüchtiger als der Traum, etwas gehört hat und gekommen ist wie der dumpfe Husten von Montaigne, der zurückgekehrt ist 2005, eines Abends im alten Rathaus von Bordeaux, da ein Violonist seine Geige stimmte vor dem Kamin.“

Allein in Rumänien erhielt Nora Iuga zahlreiche Preise, in Deutschland mehrere Stipendien, darunter eins der Akademie Schloss Solitude im Jahr 2003. In diesem Zusammenhang erschien auch der erste Band in deutscher Übersetzung, das Figurenpoem „Der Autobus mit den Buckligen“ (Autobuzul cu coco?a?i, OA 2002). In diesem surrealen, ja psychedelischen Autobus sitzt Sam, ein eigenartiger Familienvater, der sich seinen Lesern so empfiehlt: „ich bin sam/ich habe eine frau mit einem grünen bein/ und einem abgeschnittenen ohr/ ich habe eine frau mit kahlrasiertem schädel/ und titten lang wie ein ziegeneuter/ morgens wenn sie zum markt geht/ pissen ihr die hunde ans bein/ und die rose erblüht.“ Für ihre Verdienste als Mittlerin deutscher Literatur wurde sie 2006 mit dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet - Nora Iuga hat sich mit ihren Übertragungen von Thomas Bernhard, Paul Celan, Günter Grass, E.T.A. Hoffmann, Elfriede Jelinek, Ernst Jünger und Herta Müller, um nur einige zu nennen, auch einen Namen als herausragende Übersetzerin gemacht.

Nora Iuga, die Dichterin mit den vielen schönen Leben, hat ein Geheimnis. Mircea ?artares?u verrät uns, worin dieses Geheimnis liegt: „In ihrer Kraft, als Frau und Schriftstellerin immerzu jung zu bleiben ... auch heute wieder betrachten die jungen Dichter sie als eine der ihren.“



Print
Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung: Der Autobus mit den Buckligen. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, mit einem Nachwort von Herta Müller. Edition Solitude, Stuttgart 2003 Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, mit einem Nachwort von Mircea C?rt?rescu. Klett-Cotta, Stuttgart 2007 „Gedichte“. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. In: Sinn und Form, September/Oktober 2007
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