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Cécile Wajsbrot wurde 1954 in Paris geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften, arbeitete als Französischlehrerin am Gymnasium, als Redakteurin bei den Nouvelles Littéraires und als Literaturkritikerin vor allem für Le Magazine Littéraire. Seit 1982 hat sie in Frankreich neun Romane, fünf Erzählbände und zwei Essays veröffentlicht, zuletzt den Roman "Mémorial" im Jahr 2005. Große Beachtung fand in Frankreich Cécile Wajsbrots Streitschrift "Pour la littérature" (2001), in der sie sich gegen die Vorherrschaft der Form und des Begriffs der écriture aussprach, so wie sie von den Nachkriegsavantgarden propagiert wurden, und mit Nachdruck für die erzählte Geschichte, die littérature, votierte. Parallel zum Schreiben arbeitet Cécile Wajsbrot als literarische Übersetzerin aus dem Englischen (u.a. Virginia Woolf) und dem Deutschen (Gert Ledig, Stefan Heym). Auf deutsch sind im Münchener Liebeskind Verlag bislang drei ihrer Romane erschienen: Mann und Frau den Mond betrachtend, 2003, Im Schatten der Tage, 2004 sowie Der Verrat, 2006.

"Mann und Frau den Mond betrachtend" (frz. Originaltitel: Caspar-Friedrich-Strasse, 2002), der erste Roman, der von Cécile Wajsbrot auf deutsch erschienen ist, zeugt von den häufigen Berlin-Aufenthalten der Autorin. Der Form nach die Festrede eines ostdeutschen Lyrikers zur Einweihung der Caspar-David-Friedrich-Straße in Berlin, der in seinem Vortrag neun berühmte Gemälde des Meisters der Romantik beschreibt und dabei immer mehr abdriftet zu seiner eigenen Geschichte mit der Stadt, in deren Trümmern er aufwuchs, dem Land, dessen Teilung seine Biographie prägte, und seiner unglücklichen Liebe zu einer westdeutschen Frau, ist "Mann und Frau den Mond betrachtend" ein Roman über die deutsche Vergangenheit und der Kommentar einer Französin zur aktuellen Situation der Stadt zwischen Ruinen und Neuanfang sowie zu den deutschen "Abgründen", die sich für Cécile Wajsbrot "nicht im Vergessen auftun, sondern in der Überfülle an Erinnerungen". Die feinfühlige, behutsame Erzählkunst der Autorin und ihre schlichte, eindringliche Sprache finden sich auch im zweiten auf deutsch erschienenen Roman "Im Schatten der Tage" (Nation par Barbès, 2001). Es ist die Geschichte dreier junger Menschen auf der Suche nach Nähe, die einander in der Pariser Metro begegnen, nur zu gerne die Leere ihres eigenen Lebens füllen würden und aufgrund der Unvereinbarkeit ihrer Welten einander nicht verstehen: der lebensfrohe, etwas oberflächliche Anglistikstudent Jason, die Sekretärin Léna, die ihre querschnittgelähmte Mutter pflegt und in einem engen Korsett aus Verantwortung und Kontrolle gefangen ist, sowie die Bulgarin Aniela, die der Trost- und Perspektivlosigkeit ihres Heimatlandes entkommen will und illegal in Paris lebt, ohne Geld und immer in der Furcht, bei Fahrschein- oder Passkontrollen entdeckt und abgeschoben zu werden. Drei parallele Universen, zwischen denen es trotz des scheinbaren Zusammenrückens der Welt keine Verbindung und keine Verständigung gibt – und eine zwar mit leiser Stimme, doch mit Schärfe und Nachdruck formulierte Kritik an der französischen Ausländerpolitik. Auch in "Der Verrat" (La trahison, 1997), dem dritten bislang auf deutsch erschienenen Buch der Autorin, findet Cécile Wajsbrot deutliche Worte für ein Thema, über das es bis heute keine richtige Diskussion in der französischen Öffentlichkeit gegeben hat: die Kollaboration von Teilen der französischen Gesellschaft mit den Nationalsozialisten, die Mitschuld von Franzosen am Tod ihrer jüdischen Landsleute sowie der Mantel des Schweigens, der bis heute über dieses Thema gehüllt ist. Es ist Cécile Wajsbrots persönlichstes Buch, das in poetischer, atmosphärisch dichter Sprache von einer jungen Radiomoderatorin erzählt, die einen alten Mann dazu bringt, über seine Vergangenheit, sein Wegsehen, Schönreden und seine verdrängte Schuld nachzudenken – und ein Buch, in dem sie die Geschichte ihrer Familie aufgreift: Cécile Wajsbrots Großmutter gelang es zwar, der Razzia am Pariser Stadion Vélodrome d'Hiver im Juli 1942 zu entkommen, aber ihr Großvater wurde verhaftet und starb in Auschwitz.


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Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung
Mann und Frau den Mond betrachtend. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind, München 2003
Im Schatten der Tage. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind, München 2004
Der Verrat. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind, München 2006
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